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  • 27.01.2015 - 13:44 GMT

„Kollektives Unterhaken“: Linn Selle erhält den Preis Frauen Europas und fordert Zusammenstehen

Binnen weniger Tage mobilisierte sie Tausende für Europa: Mit ihrer Online-Kampagne gegen die Pläne von ARD und ZDF, die EP-Spitzenkandidaten nur im Spartensender Phoenix statt im Hauptprogramm debattieren zu lassen, sorgte Linn Selle im Vorfeld der Europawahlen bundesweit für Furore. Nicht nur damit empfahl sich die Viadrina-Doktorandin für den „Preis Frauen Europas“. Gestern abend wurde sie in einem Festakt in Berlin für ihr ehrenamtliches Engagement für Europa im Jugendverband „Junge Europäische Föderalisten“ geehrt.

Linn Selle ist mit 28 Jahren die jüngste „Frau Europas“ seit Gründung des „Preis Frauen Europas“ 1991. Seit Jahren schon setzt sie sich mit den Jungen Europäischen Föderalisten (JEF e.V.) für ein vereintes Europa ein – zuletzt erst wieder bei der Charlie-Hebdo-Mahnwache am Brandenburger Tor: „Wir JEFerinnen und JEFer waren zwar die einzigen, die vor dem Brandenburger Tor Europafahnen geschwenkt haben“, berichtete Linn Selle in ihrer Rede beim Festakt. „Diese unzähligen Demonstrationen waren ein starkes Zeichen für unsere gemeinsamen europäischen Werte und zeigten, dass wir über nationale Grenzen hinaus zusammenstehen. Darum frage ich mich heute oft, warum wir dieses Zusammenstehen anscheinend nur in Krisen hinbekommen, die von außen auf uns wirken. Denn die letzten Jahre haben gezeigt, dass innereuropäische Krisen eher Zündstoff waren, um mit einem nationalistischen Feuer zu spielen.“

Linn Selle forderte eine Abkehr vom „Krisendiskurs, um wieder mehr Verständnis und Anerkennung für unser europäisches Projekt zu wecken. Wir müssen gleichzeitig aber auch wegkommen von der pro-europäischen Erzählung die da heißt ,Europa ist voll wichtig, deswegen ist Europa voll super‘. Wir müssen konkret werden, damit sich die Menschen hinter eine Idee stellen können und nicht nur hinter leere Phrasen. Zum Beispiel, dass wir eine europäische Außenpolitik wollen, um eine kraftvolle Stimme in der Welt zu sein.“ Das bedeute im Grunde auch, den deutschen Außenminister abzuschaffen. „Auch wenn das der Chef meines heutigen Laudators Michael Roth ist“, sagte Selle mit einem Augenzwinkern in Richtung des Europa-Staatsministers im Auswärtigen Amt, der in der ersten Reihe saß und ihr soeben Blumen überreicht hatte.

Michael Roth MdB hob in seiner Laudatio das frühe politische Engagement Linn Selles hervor: „Du hast Demokratie gelebt, Du hast Verantwortung übernommen in einem Jugendverband und mitgestaltet anstatt wie so viele nur zu meckern.“ Europa, das sei auch Havixbeck, spielte er auf die westfälische Heimat der Preisträgerin und die heute so grenzüberschreitend „europäischen“ Biographien ihrer Generation an, die mit Schüleraustausch in der französischen Partnerstadt und Easy-Jet aufwachse und schon früh Europas Vielfalt kennenlernen könne: „Ich bin ein paar Jahre älter und sehe das mit Bewunderung und zugegeben auch ein wenig neidvoll.“ Vielfach sei die Rede vom „fehlenden Narrativ“ für Europa, so Roth. „Dabei hat Europa doch so viele spannende und bewegende Geschichten. Wir müssen ihnen nur Stimme und Gehör schenken.“

Roth dankte der Europäischen Bewegung für die Stiftung des Preis Frauen Europas, da Frauen generell seltener mit Preisen ausgezeichnet würden: „Hier sei nur der Internationale Karlspreis der Stadt Aachen genannt – ihn haben erst vier Frauen erhalten, unter ihnen Simone Veil und Königin Beatrix.“

Ähnlich sah es EBD-Vizepräsidentin Prof. Michaele Schreyer, darauf hinwies, dass Gleichstellungspolitik im Grundsatz bereits in den Römischen Verträgen angelegt sei, aber dennoch viel zu tun bleibe. „Europapolitik hat eine frauenpolitische Dimension und umgekehrt!“

Für das gastgebende Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte die parlamentarische Staatssekretärin Caren Marks MdB die rund 160 geladenen Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft begrüßt: „Hinter jeder Preisträgerin steckt eine beeindruckende Geschichte und beeindruckendes Engagement“, sagte sie mit Blick auf die anwesenden „Frauen Europas“, darunter Politologinnen wie Gesine Schwan, Publizistinnen wie Necla Kelek oder Inge Bell, Menschenrechtlerinnen wiei Jasmina Prpić  oder Künstlerinnen wie Sissy Thammer.

Sie alle hatten sich im Vorfeld des Festakts zum Seminar „Stimme erheben“ getroffen und dabei Perspektiven und Chancen der Partizipation von Frauen in Deutschland und Europa ausgelotet. „Hier über die Notwendigkeit politischer Teilhabe von Frauen zu sprechen, ist wie Eulen nach Athen zu tragen – Sie sind ja alle schon überzeugt“, eröffnete Gesine Schwan ihren Impuls über „Aktivierung von gesellschaftlichem Engagement: Vorbilder, Mittel und Wege“. Und damit hatte sie Recht: Die etwa 30 Seminar-Teilnehmerinnen waren zwar bunt gemischt in Bezug auf Alter und beruflichen Hintergrund, doch eines hatten sie alle gemeinsam – ihr Engagement für frauenpolitische Belange. Wer auf dem Podium und wer im Publikum saß, das war schnell zweitrangig, denn Expertinnen saßen auf beiden Seiten und freuten sich über die Gelegenheit zum Austausch, der sehr schnell auch sehr konkret wurde. So gab die erfahrene Rundfunkjournalistin Maria von Welser den Engagierten unter anderem einen ganz simplen Rat mit auf den Weg: „Wer seine Stimme erheben will, muss sich auch Gehör verschaffen. Daher ziehen Sie unbedingt das Mikrofon zu sich heran, wenn Sie reden!“

Mit dem „Preis Frauen Europas“ ehrt die Europäische Bewegung Deutschland (EBD) seit 1991 Frauen, die sich ehrenamtlich in besonderer Weise für das Zusammenwachsen Europas einsetzen. Informationen über die bisherigen Preisträgerinnen finden Sie in unserer Online-Broschüre zum Preis Frauen Europas.

Lesen Sie auch ein ausführliches Interview mit Linn Selle, das Sie ebenfalls für Ihre Berichterstattung nutzen können.

Ein Fotoalbum finden Sie auf unserer Facebook-Seite. Gerne stellen wir Ihnen Bilder kostenfrei zur Veröffentlichung zur Verfügung, bei Bedarf auch in Druckqualität. Fotovermerk: EBD/K. Neuhauser

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Frauen Europas unter sich (v.l.) Irina Gruschewaja, Gesine Schwan, Sissy Thammer, Linn Selle, Gudrun Schmidt-Kärner, Inge Bell, Jasmina Prpić, Necla Kelek Foto: EBD/K. Neuhauser

Frauen Europas unter sich (v.l.) Irina Gruschewaja, Gesine Schwan, Sissy Thammer, Linn Selle, Gudrun Schmidt-Kärner, Inge Bell, Jasmina Prpić, Necla Kelek
Foto: EBD/K. Neuhauser