Aktuelles > EUD: Wie kommt Europa an Chinas Seltene Erden? Reinhard Bütikofer zum EU-China Gipfel

Artikel Details:

EUD: Wie kommt Europa an Chinas Seltene Erden? Reinhard Bütikofer zum EU-China Gipfel

Wie kommt Europa an Chinas Seltene Erden? Um was geht es? Seltene Erden? Geht es noch abseitiger? Ein Kommentar von Reinhard Bütikofer, EUD-Präsidiumssprecher für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, anlässlich des EU-China Gipfels.

Gar nicht abseitig. Materialien wie Neodym und Dysprosium  und die anderen Seltenerdelemente, die bis vor kurzem öffentlich kaum je genannt wurden, sind unverzichtbar für zahlreiche Zukunftstechnologien: Katalysatoren, Batterien, starke Magnete, Energieeffizienzprodukte, Erneuerbare Energien, Hybrid- und Elektroautos, LED-Lichter. Europa, das diese Materialen nicht selbst schürft, könnte ohne den Zugang zu ihnen hilflos zusehen müssen, wie sein Lorbeerkranz für die Führungsrolle in der grünen industriellen Revolution welkt.

Der Löwenanteil der global geförderten Seltenen Erden kommt aus China. Bisher hat China beim Export dieser Rohstoffe nicht geknausert. Doch dieser Export droht zu versiegen – China reduziert seine Exporte erheblich. Das macht die europäische Industrie mehr als besorgt. Die Nervosität ist aktuell so hoch, dass das Gerücht, China habe im Konflikt mit Japan kürzlich einen kurzen de facto Exportstop seltener Erden verhängt, zu deutlichen Ausschlägen entsprechender Aktien führte.
 
Wie wäre es, der EU-China Gipfel dieses Herbstes, am kommenden Mittwoch,  nähme sich dieses Themas an? Von strategischer Partnerschaft wird bei diesem Zusammentreffen sicher mehr als genug die Rede sein. Es wäre den Versuch wert, das Bekenntnis zu strategischer Partnerschaft einmal konkret werden zu lassen. Können die EU und China das?

Seltene Erden werden derzeit nur in einer Handvoll Länder gefördert. Zu 95% findet der Abbau dieser Rohstoffe in China statt. Trotz der gegenteiligen Semantik sind die "Seltenen Erden" in Wahrheit aber gar nicht so spärlich vorhanden. Es liegen bedeutende Weltreserven in Grönland. Lagerstätten findet man auch in den USA, Kanada, Australien, Südafrika und sogar in Schweden. Binnen der nächsten 10-15 Jahre können diese sicherlich erschlossen werden. Es wird erwartet, dass die Produktion in den USA und insbesondere in Kanada schon innerhalb der nächsten Jahre anläuft. Dazu kommt die Option, durch Wiederverwendung, Recycling  ("urban mining") und Substitution die Abhängigkeit von zusätzlicher Förderung zu begrenzen. Das Versorgungsrisiko wird von Rohstoffexperten daher unterschiedlich bewertet. Aber klar ist: Wir können uns offenbar nicht darauf verlassen, dass China auch zukünftig davon absehen wird, seine Förderung dieser Rohstoffe vor allem zum Aufbau eigener Wertschöpfungsketten zu nutzen. Die Kürzung chinesischer Exportquoten folgt dem wirtschaftspolitischen Ziel, eine eigene High-Tech-Industrie aufzubauen. Beijing ist sich seiner günstigen Position sehr bewusst. Schon Deng Xiaoping bemerkte im Jahre 1992: "Der Nahe Osten hat sein Öl, China hat Seltene Erden".
 
Seltene Erden avancieren zu einem wichtigen Thema europäischer Industriepolitik. Erfreulicherweise hat die Europäische Kommission bei diesem Thema die Initiative ergriffen. Sie hat einen Bericht zu kritischen Rohmaterialen veröffentlicht und plant zudem, im November eine neue Rohstoff-Strategie zu präsentieren. Zu hoffen ist, dass sie dabei dem Recycling, der Substitution und der Effizienz großes Gewicht geben wird. Der Vorschlag aus der Kommission zugunsten einer Rohstoffsteuer wäre auch gut in diese Strategie einzubauen. Doch es bleibt die Frage, wie einstweilen ein ausreichender Zugang zu diesen Rohstoffen sichergestellt werden kann.

Europa könnte China ein Angebot machen, das abzulehnen der dortigen Führung schwer fiele. Europa könnte, Europa sollte das Thema Seltene Erden mit dem Thema Transfer von Umwelttechnologien verknüpfen. Zu diesen will China seit langem einen besseren Zugang. Das gilt nicht zuletzt für Technologien, mit denen man die schädlichen Umweltfolgen der Förderung seltener Rohstoffe unter Kontrolle bekommen kann. Dabei ist China im Hinblick auf moderne Umwelttechnologien strategisch sicher nicht auf Dauer auf uns angewiesen. Kurzfristig bräuchte China uns, um diese Technologien nutzen zu können. Mittel- und langfristig wird das Land jedoch in der Lage sein, selbst in diesem High-Tech-Bereich nicht nur aktiv mit zu spielen, sondern um Technologieführerschaft zu kämpfen. Wir könnten China helfen, den Durchbruch schneller zu schaffen, und im Gegenzug dazu würde China Europas Versorgung mit den strategischen Rohstoffen gewährleisten. Beide bräuchten wir, innovative Industriepolitik vorausgesetzt, den anderen nicht auf immer. Beide könnten wir, bis wir die jeweilige eigene Abhängigkeit überwinden können, voneinander profitieren. Das wäre eine strategische Partnerschaft.

keine Kommentare

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Abbrechen