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  • 08.07.2011 - 14:39 GMT

Hans Böckler Stiftung: EU-Arbeitnehmer verlieren real

In zwei von drei EU-Ländern drohen den Beschäftigten 2011 Reallohnverluste. In Deutschland ist die Entwicklung etwas positiver, die Preissteigerung zehrt aber auch hier den nominalen Zuwachs weitgehend auf.

2011 wird sich die Mehrheit der Arbeitnehmer in der Europäischen Union unter dem Strich weniger für ihren Lohn kaufen können als im Vorjahr. In 18 von 27 Mitgliedstaaten dürften nach Prognose-Daten der EU-Kommission die Löhne nach Abzug der Teuerung sinken. Im EU-Durchschnitt bedeutet das einen Reallohnverlust von 0,8 Prozent.
In Deutschland wird die Entwicklung 2011 zwar positiver ausfallen als bei den meisten Nachbarn, allerdings ist auch hier nach Abzug der relativ hohen Preissteigerung von deutlich mehr als 2 Prozent lediglich eine Stagnation der Löhne absehbar. Das erwartet Thorsten Schulten, Autor des neuen Europäischen Tarifberichts des WSI. In Europa gingen daher von der Lohnentwicklung "derzeit kaum positive Impulse aus, um die strukturellen ökonomischen Probleme zu überwinden und eine nachhaltige Wachstumsstrategie einzuleiten", schreibt der WSI-Tarifexperte.
Angesichts von Reallohnverlusten und Sparprogrammen in vielen Ländern warnt Schulten vor einer "europaweiten Lohnsenkungsspirale". Die Entwicklung könnte sich noch verschärfen, weil sich die europäischen Regierungen im so genannten "Euro-Plus-Pakt" auf eine hoch problematische restriktive Lohnpolitik festgelegt hätten, so Schulten. In dem früher "Pakt für den Euro" genannten Übereinkommen haben die europäischen Staats- und Regierungschefs Ende März unter anderem moderate Lohnsteigerungen und eine Verlagerung der Lohnbildung in die Betriebe als Wege zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit formuliert. Zudem solle durch Arbeitsmarktreformen mehr "Flexibilität" erreicht werden. Kritiker warnen vor Eingriffen in die Tarifautonomie.
Bereits 2010 sind die realen Löhne pro Kopf in 13 EU-Staaten zurückgegangen, macht die WSI-Analyse deutlich. Am stärksten waren die Verluste in Griechenland mit 8,2 Prozent. In diesem Jahr fallen die Einbußen der griechischen Beschäftigten nach der von Schulten ausgewerteten EU-Prognose nicht mehr ganz so dramatisch aus. Dafür dehnt sich der Kreis der Länder mit Reallohnrückgängen noch einmal deutlich aus. Am stärksten sind die Verluste in den südeuropäischen Krisenländern und einigen osteuropäischen Staaten, wo die Löhne real um zwei bis 4,5 Prozent an Kaufkraft verlieren dürften. Doch auch in Frankreich, Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Großbritannien und Luxemburg müssen sich die Arbeitnehmer auf reale Einbußen zwischen 0,3 und 1,5 Prozent einstellen. Die im Vergleich noch positivste Entwicklung wird in den Niederlanden, Schweden, Polen und Bulgarien erwartet. Dort  sollen die Löhne 2011 real zwischen 0,6 und 2,8 Prozent zulegen.
Hauptgründe für die verbreiteten Reallohnverluste sind die Preissteigerung von 3 Prozent im EU-Mittel und vergleichsweise schwache Lohnzuwächse, insbsondere in Südeuropa. Der neutrale Verteilungsspielraum für die Lohnentwicklung, der sich aus der Summe von Produktivitätszuwachs und Preissteigerung ergibt, wird nach Schultens Berechnung 2011 in 26 EU-Ländern nicht ausgeschöpft. Mit Ausnahme Bul-gariens legen damit die Einkommen aus Unternehmensgewinnen überall deutlich stärker zu als die Einkommen aus Löhnen.
Für Deutschland prognostiziert die EU-Kommission 2011 ein minimales reales Lohnwachstum von 0,1 Prozent. Die im mehrjährigen Vergleich relativ kräftige Entwicklung der nominalen Bruttolöhne von 2,7 Prozent wird danach von der Inflation weitgehend aufgezehrt. 2010 waren die Löhne in Deutschland zum ersten Mal seit 2003 real gewachsen – um 1,1 Prozent. Die deutschen Tariflöhne haben nach den Daten des WSI, die aufgrund unterschiedlicher Methodik etwas höher ausfallen als die Tarifzahlen der Bundesbank, 2010 Jahr real um 0,6 Prozent und 2009 um 2,4 Prozent zugelegt.
WSI-Experte Schulten hält es für sinnvoll, weitere Lohnkürzungen in den Krisenstaaten zu stoppen. Sonst sei die binnenwirtschaftliche Stagnation in diesen Ländern nicht zu überwinden. In den wirtschaftlich starken EU-Staaten und insbesondere in Deutschland könne eine deutlich stärkere Lohnentwicklung in den nächsten Jahren dazu beitragen, die wirtschaftliche Dynamik in Europa zu stärken. 

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