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  • 25.11.2011 - 13:40 GMT

„Man darf nie müde werden, Mensch zu sein“ – Irina Gruschewaja als „Frau Europas 2011“ geehrt

Knapp 180 Gäste erhoben sich mit langanhaltendem Beifall für Irina Gruschewaja. Mit ihrer Initiative „Den Kindern von Tschernobyl“, die sie 1989 gemeinsam mit ihrem Mann gründete, hat sie wahrhaft Großes geleistet. Die Bürgerinitiative organisiert Auslandsreisen für Kinder aus verstrahlten Gebieten und hat seitdem mehr als 500.000 Tschernobyl-Kindern Erholungs- und Gesundungsreisen nach Westeuropa ermöglicht. Am 24. November wurde die „Frau Europas 2011“ in Berlin geehrt.

Prof. Ursula Männle, Vorsitzende des Ausschusses für Bundes- und Europaangelegenheiten im Bayerischen Landtag und Mitglied im Vorstand der EBD, begrüßte in ihrer Eröffnung die zahlreich anwesenden „Frauen Europas“ – erkennbar an ihrem „symbolischen Preis, dem sichtbaren Zeichen ihres Engagements“, der blau-goldenen Brosche. Wie es zur Brosche und zu anderen zentralen Elemente des Preises Frauen Europas kam, veranschaulichte Ursula Schleicher, Vizepräsidentin des Europäischen Parlamentes a.D. und geistige „Mutter des Preises“, in ihrem Rückblick auf die vergangenen 20 Jahre. Frauen auszeichnen, die grenzüberschreitend und in Eigeninitiative Einsatz für Europa zeigen und damit Vorbild für alle Frauen Europas sein können, sei seit 1991 das Anliegen des Preises. Angefangen mit Csilla von Boeselager seien in den letzten 20 Jahren Frauen mit einer enormen Bandbreite an Projekten und Themen ausgezeichnet worden. Gemeinsam sei allen „Frauen Europas“ ihr Pioniergeist, der auf ganz unterschiedliche Art dazu beitrage, die Bürger Europas einander näher zu bringen.

Laudatorin der „Frau Europas 2011“ war die ehemalige Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth. Die Ehrenpräsidentin der EBD würdigte Gruschewajas Kampf gegen das Schweigen über die Tschernobyl-Katastrophe in Belarus als vorbildlich auch für Demokratien, in denen die öffentliche Diskussion von Unbequemem gern auf später verschoben werde. Unermüdlich und mit großer Ehrenhaftigkeit habe sich Gruschewaja dafür eingesetzt, dass in und über Belarus hinaus geredet statt geschwiegen wurde – und damit den Nährboden für Veränderung gesät: „Wenn wir nicht mehr miteinander reden, haben wir keine Chance mehr, etwas zu verändern!“ Um den „Preis Frauen Europas – Deutschland“ für die Zukunft zu sichern, rief Süssmuth die Mitgliedsorganisationen der EBD dazu auf, sich in Zukunft für den Preis einzusetzen.

In ihrer Rede beschwor Irina Gruschewaja, Menschlichkeit und soziales Miteinander als Basis des Zusammenlebens nicht zu vergessen. Man dürfe nie müde werden, Mensch zu sein –  auch wenn und grade weil die Geschichte immer wieder gezeigt habe, „wie leicht es ist, den Menschen aus uns auszutreiben.“ Für das Menschsein sei die internationale Zivilgesellschaft im Einsatz – ihre Initiative „Den Kindern von Tschernobyl“ sei deshalb kein Hilfs-, sondern vielmehr ein Menschenwerk. Dessen soziales Engagement mache verdächtig: 2008 erließ Belarus ein Dekret, nach dem kein Kind mehr in Ausland reisen dürfe. Nur auf Druck der Partner in Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern sei das Reisen für Kinder ein Jahr später wieder möglich geworden. Die Tschernobyl-Bewegung habe dies nachhaltig geschwächt, erst die Katastrophe von Fukushima habe alle wieder wachgerüttelt. „Wir dürfen uns nicht beruhigen“, beschwor Gruschewaja das Publikum, noch einen Super-GAU vertrage die Menschheit nicht. Dank der Kinderreisen – 500.000 sind in den vergangenen 21 Jahren nach Deutschland gereist – wüssten nun Millionen Menschen, was es bedeutet, Opfer zu sein und was es bedeutet, Mut zu haben.

Übergeben wurde der Preis von Irina Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein, Präsidentin des Preises und selbst Preisträgerin von 1994, die einen weiteren Bogen zur Bedeutung des Preises für das heutige Europa spannte. „Europa hat sich verändert. Die Auszeichnung zeigt, dass wir jeden Tag uns bewusst sein müssen, dass wir uns das alles erobert haben“, gab sie den knapp 180 anwesenden Gästen mit auf den Weg.
Der Empfang im Anschluss an die Preisverleihung bot Gästen, Organisatoren und der Preisträgerin die Möglichkeit, bei einem Glas Wein den erfolgreichen Abend ausklingen zu lassen.

Der „Preis Frauen Europas – Deutschland“ feierte dieses Jahr sein 20-jähriges Jubiläum: Seit 1991 verleiht das Netzwerk EBD die Auszeichnung an Frauen, die sich durch ihr ehrenamtliches gesellschaftliches Engagement für das Zusammenwachsen und die Festigung eines vereinten Europas einsetzen. Preisträgerinnen waren u.a. Necla Kelek (2008), Gesine Schwan (2005), Dagmar Schipanski (2000) oder Monika Hauser (1995).

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