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Europäische Wertegemeinschaft

„Bei Grenzen, Abschottung und Nationalismus geht es für mich an die Grundfesten Europas“ | Neue EBD-Präsidentin Dr. Linn Selle im Interview

Am 02. Juli 2018 wurde bei der EBD-Mitgliederversammlung der neue Vorstand gewählt, die Politischen Forderungen 2018/2019 beschlossen und über den europapolitischen Fahrplan bis zu den Parlamentswahlen 2019 abgestimmt.

Auch eine besonders spannende Neuerung darf die EBD verkünden: Dr. Linn Selle ist neue Präsidentin der Europäischen Bewegung Deutschland. Die 31-jährige Politologin und Verbraucherschutz- und Jugendexpertin wurde mit überwältigender Mehrheit als neue Präsidentin bestätigt, nachdem der ehemalige Präsident Dr. Rainer Wend turnus- und satzungsgemäß das Amt verließ.

Im Interview erklärt Dr. Linn Selle, wie sie die EBD als Präsidentin in die Zukunft führen will.

Frau Dr. Selle, Sie sind nun Präsidentin der Europäischen Bewegung Deutschland. Was sagen Sie zu Ihrer Wahl?
Ich bin überwältigt, stolz und auch ein bisschen demütig. Die Europäische Bewegung ist eine große, eine gewichtige Institution und ich freue mich sehr, ihr von nun an vorstehen zu dürfen.

Sie sind die jüngste Präsidentin in der EBD-Geschichte. Welche Vorteile hat das?
Ich bringe sicherlich eine andere Sozialisierung als meine Vorgängerinnen und Vorgänger mit. Ich bin Teil der sogenannten „Generation Erasmus“ – für mich ist Europa Teil meines Lebens und meines Alltags. Umso schwerer wiegen die gefühlt immer wirkmächtigeren Debatten über Grenzen, Abschottung und Nationalismus. Da geht es für mich an die Grundfesten Europas.

Wie können Sie die EBD für die Zukunft ausrichten?
Die EBD hat sich in den vergangenen Jahren ganz erheblich professionalisiert. Ich übernehme von meinem Vorgänger Dr. Rainer Wend also ein sehr gut gemachtes Haus. Ich glaube aber auch, dass die EBD als Stimme in der Öffentlichkeit für ein demokratisches und pluralistisches Europa noch Potential hat, insbesondere vor den Europawahlen im kommenden Jahr, bei denen es um nichts weniger als die Handlungsfähigkeit des Europäischen Parlaments geht – und damit Europas als Ganzes.

Warum liegt Ihnen Europa am Herzen?
Meine Eltern haben mir immer vorgelebt, dass sich nur dann etwas ändert, wenn alle mit anpacken – sei es im Fußballverein oder in der Politik. Europa ist nicht nur Teil meines Alltag, sondern auch meines Lebensmodells – wie im Übrigen auch für viele Europäerinnen und Europäer. Für dieses Lebensmodell und für eine starke Demokratie möchte ich mich einsetzen.

Was muss sich noch ändern?
Leider recht viel. Da sind zum einen natürlich notwendige institutionelle Veränderungen – das Europäische Parlament muss weiter gestärkt werden; das europäische Wahlsystem europäisiert werden; der Ministerrat ist immer noch eine „Black-Box“, die ein unseliges „die in Brüssel haben entschieden“ begünstigt; und letztlich sollten noch mehr Entscheidungen mehrheitlich und nicht im Konsens entschieden werden, denn das begünstigt Stillstand. Aber eigentlich müssen sich heutzutage am meisten die Mentalitäten ändern. Ich habe den Eindruck, dass derzeit in Europa eine Stimmung herrscht, in der niemand dem anderen über den Weg traut und immer nur nach dem eigenen nationalen Vorteil schielt. Das ist Gift für die europäische Idee, denn wir kommen nur voran, wenn nationale Interessen und das europäische Gemeinwohl im Mittelpunkt stehen. Hier gibt es leider noch viel zu tun, was durch schlichte Reformen nicht gelöst werden kann.

Haben Sie auch Ängste, zum Beispiel wegen des erstarkten Populismus?
Was mir Sorgen macht ist nicht der Populismus per se, denn der kann beizeiten auch ein nützliches Korrektiv sein. Sorge bereitet mir, dass viele nationale Regierungen ihre begrenzte Reform- oder Lösungsfähigkeit mit einem plumpen Antieuropa-Diskurs zu übertünchen versuchen. Das sind nicht nur die klassischen Rechtspopulisten, sondern ist vielerorts verbreitet. Ein solches Blame-Game schadet nicht nur dem Ansehen Europas, es schadet langfristig auch den einzelnen Staaten.

Haben Sie auch frauenpolitische Forderungen an die EU?
Die EU sollte ruhig mutig sein und wieder mehr Frauen- und Geschlechterpolitik zu betreiben – sie war da ja in der Vergangenheit lange führend. Von den Parteien wäre es zu begrüßen, wenn nach den Europawahlen 2019 erstmals eine Frau Präsidentin der Europäischen Kommission würde.

Was würden Sie Wählerinnen und Wählern im Hinblick auf das Wahljahr 2019 mitgeben?
Sich informieren, nachfragen und sich selber ein Bild machen. Und ganz wichtig: alle Nachbarinnen/Nachbarn und Freunde zur Wahlurne mitnehmen!

Haben Sie einen Leitspruch?
Ich habe keinen richtigen Leitspruch, muss derzeit aber öfter an einen Satz unseres Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier denken. Er sagte bei der letzten Weihnachtsansprache: „Zukunft ist kein Schicksal“. Auch wenn viele Entwicklungen uns derzeit große Sorgen bereiten, es gibt keinen vorgefertigten Pfad, denn am Ende des Tages kommt es auf jede und jeden von uns an.

Bilder von der Mitgliederversammlung finden Sie hier.