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Bertelsmann Stiftung will sich stärker mit den politischen Herausforderungen in Europa befassen

Vorstandsvorsitzender Aart De Geus erklärt: Europa ist vor allem ein Werteraum und darf nicht zu einer Wirtschafts-AG verkommen

Die Bertelsmann Stiftung will sich künftig noch stärker mit den politischen Herausforderungen und der Zukunft Europas befassen. Das kündigte der neue Vorstandsvorsitzende Aart De Geus auf seiner ersten Pressekonferenz an. "Europa ist vor allem ein Werteraum und darf nicht zu einer Wirtschafts-AG verkommen", sagte der überzeugte Europäer, der in den Niederlanden Arbeits- und Sozialminister war, in Paris als stellvertretender OECD-Generalsekretär gearbeitet hat, in Utrecht zu Hause ist und nun an der Spitze der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh steht.
Daher ist es kein Zufall sondern Programm, dass De Geus seinen ersten großen öffentlichen Auftritt als Vorstandsvorsitzender gemeinsam mit dem deutschen Außenminister Guido Westerwelle im Weltsaal des Auswärtigen Amtes in Berlin bestreiten wird. Der Titel der Konferenz lautet: "Der Wert Europas". "Wir beobachten derzeit nicht nur eine zunehmende Euroskepsis in Deutschland, sondern einen Wahrnehmungsriss durch ganz Europa", sagte De Geus. "Wie kann es sein, dass ausgerechnet die Länder des Nordens, die so sehr von der Währungsunion profitiert haben, sich als Verlierer sehen? Und wie kann es sein, dass in manchen Ländern antieuropäische Positionen an Popularität gewinnen? Darauf wollen wir als Bertelsmann Stiftung mit unserem Programm ‚Die Vereinigten Staaten von Europa‘ Antworten geben."
Eine aktuelle Umfrage der Bertelsmann Stiftung bestätigt die Sorge um die Zukunft Europas als Wirtschafts-, Sozial- und Wertegemeinschaft. Danach kommen die EU und der Euro als Hoff-nungsanker für wirtschaftlichen Wohlstand und Stabilität zunehmend abhanden. Generell sagen nur noch etwas mehr als die Hälfte der Deutschen (52 Prozent), dass sich für sie aus der Mitgliedschaft in der EU persönlich eher Vorteile ergeben; ein knappes Drittel (32 Prozent) sieht darin eher Nachteile. Insbesondere für die persönlichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder die Wahrung des sozialen Friedens sieht nur noch eine Minderheit der Deutschen Vorteile durch die EU. Und zwei von drei Deutschen sind der Meinung, dass es ihnen persönlich besser ginge, wenn es anstelle des Euros noch die D-Mark gäbe. Schließlich sind 48 Prozent der Befragten der Auffassung, dass der soziale Friede durch die EU-Mitgliedschaft eher unsicherer geworden ist.
Um das Thema Europa auch auf der kommunalen Ebene wieder stärker zu verankern, hat die Bertelsmann Stiftung ein gemeinsames Projekt mit dem NRW-Europaministerium aufgenommen. Grundlage für die Zusammenarbeit ist eine aktuelle Umfrage unter allen Kommunen des Landes. Die Studie zeigt zwar, dass den Städten und Kreisen in NRW der kulturelle Austausch und die Begegnungen zwischen den Bürgern in Form von Städtepartnerschaften besonders wichtig sind. Insgesamt nimmt das Thema Europa jedoch aktuell keinen hohen Stellenwert ein und wird nur selten systematisch bearbeitet. Um dies zu ändern, wollen die Projektpartner Bertelsmann Stiftung und das NRW-Europaministerium ab 2013 ein Auszeichnungsverfahren "Europaaktive Kommune" auf den Weg bringen und gute Beispiele prämieren.
Neben der weiteren Internationalisierung ihrer Arbeit will sich die Bertelsmann Stiftung künftig stärker mit den Methoden nachhaltiger Politikgestaltung befassen. Zu den Werten Europas – Freiheit, Gleichheit, Solidarität – zählt De Geus daher die Nachhaltigkeit. "Wenn wir unseren Wohlstand für spätere Generationen sichern wollen, müssen Wachstum und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen. Nachhaltigkeit ist aus meiner Sicht die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts", sagte der neue Vorstandsvorsitzende.
Um den neuen Schwerpunkt ihrer Arbeit auch öffentlich herauszustellen, wird die Bertelsmann Stiftung ihren Reinhard Mohn Preis im Frühjahr 2013 zum Thema "Politik nachhaltig gestalten" verleihen. Derzeit sucht sie weltweit nach Ländern, denen es gelungen ist, Strategien für ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit zu entwickeln und als übergeordnetes Ziel in Politik und Gesellschaft zu verankern.
Auch die Arbeitsweise der Bertelsmann Stiftung will der neue Vorstandsvorsitzende verändern. "Die Globalisierung und die neuen Kommunikationsmöglichkeiten haben zu einer unglaublichen Beschleunigung geführt. Wenn wir auch international zu den führenden Think Tanks gehören wollen, müssen wir unser Tempo ebenfalls erhöhen", sagte De Geus. Die Bertelsmann Stiftung werde sich daher stärker fokussieren, die Anzahl der Projekte signifikant reduzieren und auch deren Laufzeiten verkürzen. "Nur so gewinnen wir zusätzlichen Raum und die Zeit, über Zukunftsthemen nachzudenken und unsere Rolle als Impulsgeber für gesellschaftliche Reformen auszubauen", sagte De Geus.

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