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EU-Erweiterung, Außen- und Sicherheitspolitik, Wirtschaft und Finanzen

BVMW und EBD | Runder Tisch zum EU-Afrika-Gipfel in Abidjan

Die Teilnehmer des Runden Tisches zum EU-Afrika-Gipfel, Foto: Caroline Weis, BVMW

Immigration und Flüchtlingskrise – das sind die zwei Schlagworte, mit denen die Beziehung zwischen der EU und Afrika in den Medien oft charakterisiert wird. Dabei wird übersehen, dass Afrika mit seinem dynamischen Wirtschaftswachstum und der jüngsten Bevölkerung der Welt ein enormes Investitionspotenzial für den deutschen Mittelstand darstellt. Auch das Schlagwort „Kontinent der Chancen“ ist immer wieder zu hören, wenn es um die wirtschaftliche Weiterentwicklung der afrikanischen Volkswirtschaften geht.

Von der deutschen Wirtschaft wurde dies unlängst erkannt und man sucht nach geschäftlichen Kontakten in Afrika. Vor dem fünften Gipfeltreffen der Afrikanischen Union und der Europäischen Union, welches vom 29. bis 30. November 2017 in Abidjan, Elfenbeinküste, stattfindet, lud die EBD-Mitgliedsorganisation Bundesverband Mittelständische Wirtschaft Unternehmerverband Deutschland e.V. (BVMW)  in Kooperation mit der Europäische Bewegung Deutschland e.V. zum Runden Tisch EU-Afrika mit dem Thema „Welche Ergebnisse erwartet der deutsche Mittelstand?“

Die Teilnehmer wurden vom BVMW-Präsidenten Mario Ohoven begrüßt, der die Bedeutung Afrikas als wichtiger wirtschaftlicher Partner der Zukunft hervorhob. Der deutsche Mittelstand sei schon seit einigen Jahren in der Region aktiv darum bemüht, Wirtschaftskontakte aufzubauen. Die Panellisten wurden von Frau Bienvenue Angui, stv. Leiterin für Außenwirtschaft des BVMW, vorgestellt, die bekräftigte, dass Europa endlich das Potenzial Afrikas erkennen müsse.

Nach der Finanzkrise 2008 und dem Arabischen Frühling 2011 hat sich der Kontinent zunehmend stabilisiert. Bisher bestanden aber noch große Hindernisse in Bezug auf bürokratische Hürden, mangelnde Anreize und gesetzliche Sicherheiten. Nachdem auch die deutsche Politik in Form von Deutschlands G-20-Präsidentschaft mit Schwerpunkt Afrika das Potenzial Afrikas als Handelspartner erkannt hat, ändert sich dies langsam. Auf dem Gipfeltreffen in Abidjan, treffen sich wichtige Staats- und Regierungschef beider Kontinente um über die Themen Frieden und Sicherheit, Staatsführung und Demokratie, Menschenrechte, Migration und Mobilität, Investitionen und Handel sowie Kompetenzentwicklung und Schaffung von Arbeitsplätzen zu diskutieren. Der deutsche Mittelstand erhofft sich von Abijan politische Impulse zu einer strukturierten Zusammenarbeit und einen verstärkten Fokus auf den Privatsektor.

Bei den aktuellen Entwicklungen darf nicht vergessen werden, dass die beiden Nachbarkontinente eine schwierige Geschichte verbindet. Das Erbe des Kolonialismus, Rassismus und Sklaventums reichen bis in die heutige Zeit der Globalisierung hinein, in der beide Staaten eng zusammenarbeiten müssen. Das betrifft sowohl eigene nationale historisch „geerbte“ Interessen europäischer Länder als auch das tiefe Misstrauen gegen europäisches Dominanzgebahren südlich des Mittelmeers.

Gerade deshalb ist es an der Zeit, dass Europa das vorherrschende Afrikabild revidiert, das wie kaum eine andere Region die Gleichzeitigkeit von Tradition und digitaler Moderne vereint. Afrika ist zum Beispiel in Bezug auf Frauen in Führungspositionen fortschrittlicher als Europa: Gut die Hälfte aller afrikanischen Unternehmen werden von Frauen geführt. Hier kann Europa von Afrika lernen.

Die Bevölkerungsexplosion wird Afrika eine extrem junge und zahlenreiche Arbeitnehmerschaft bescheren –  Schätzungen zufolge könnten dadurch jedes Jahr etwa 20 Mio. neue Arbeitsplätze entstehen. Das stellt einerseits eine große Herausforderung dar, wenn diese vom Arbeitsmarkt absorbiert werden sollen. Afrika droht ein Brain-Drain, d.h., eine Abwanderung hochqualifizierter Arbeitnehmer beispielsweise ins benachbarte Europa. Andererseits ist eine junge, dynamische Arbeitnehmerschaft auch eine große Chance, die umso dringender passender Ausbildungsinitiativen bedarf. An dieser Stelle könnten deutsche Unternehmen helfen, das hier etablierte duale Ausbildungssystem auf Initiativen vor Ort anzuwenden. Eine weitere Option wäre auch ein Art Brain-Circle, d.h., eine duale Ausbildung in Europa und Rückkehr mit Starthilfe in Afrika.

Wie GreenTecs CEO unterstrich spielt der Know-How-Transfer für die zahlreichen, auch international tätigen afrikanische KMUs und Start-Ups eine essenzielle Rolle, damit sie wettbewerbsfähig sein können. Laut GIZ existieren zwar schon einige digitale Projekte in Afrika, diese seien aber durchaus noch ausbaufähig. Die EZ-Scouts der GIZ beispielsweise betreuen afrikanische Unternehmen direkt vor Ort, bieten ihnen Beratung an und bündeln Know-How. Solche Systeme würden aber auch auf europäischer Ebene benötigt. Gleichermaßen wünscht sich auch der deutsche Mittelstand eine bessere Beratung und Institutionalisierung der Beziehungen um mehr Sicherheit bei Kooperationen und Investitionen zu bekommen. Das zweite Stichwort betrifft die Finanzierung solcher Kooperationsprojekte. Hier könnten vor allem leicht finanzierbare Mikro-Kredite zu Verbesserungen führend. Da es davon bisher zu wenig gibt, gehen afrikanische Unternehmen oft eher zu privaten Investoren als zur Bank.

Außerdem wurde betont, dass es wichtig sei, allen Beteiligten, d.h., europäischen und afrikanischen Akteuren aus Wirtschaft und Politik, ein gemeinsames, professionell strukturiertes Forum zum Dialog zu bieten. Befürchtungen wurden geäußert, dass der Gipfel sich zwischen Politik und Wirtschaft zersplittert. Das „Business-Forum“ für die Unternehmen findet nämlich abseits vom Treffen der Regierungschef im Vorhinein statt. Kritik wurde auch an der Art der öffentlichen Kommunikation geäußert. Man habe es verpasst, relevante Zielgruppen anzusprechen. Die Hoffnung lautet trotzdem, dass der Gipfel nicht nur zu leeren politischen Deklarationen führt, sondern dass von ihm konkrete Impulse ausgehen.

Es braucht dringend eine stärkere Koordinierung der europäischen Afrikapolitik, da bisher die eigenen nationalen (historischen) Interessen der Mitgliedsstaaten eine große Rolle spielen, die den Gesamtinteressen aller entgegenlaufen.

In den letzten Jahren wurden zwar schon einige Instrumente auf europäischer Ebene geschaffen, so zum Beispiel der  EU-Investitionsfonds für Afrika mit einem Umfang von 4,1 Mrd. € oder der Europäische Entwicklungsfonds, die große Chancen für deutsche Unternehme bieten, allerdings müssten die auch besser genutzt und abgerufen werden. Mit Blick auf die 2020 bevorstehende EU-Ratspräsidentschaft ist es auch an Deutschland, in diesen Bereichen Schwerpunkte zu setzen.

Ende November wird sich zeigen, ob der EU-Afrika-Gipfel hier Fortschritte erzielen konnte. Die Ergebnisse unserer Diskussion werden auch Eingang finden in ein gemeinsames europäisches Positionspapier.

Die Teilnehmer des Runden Tisches waren Ingo Badoreck, Generalsekretär Afrika Stiftung, Dirk Schwenzfeier, Beauftragter für Wirtschaft und Kommunen beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dr. Axel Klaphake, Abteilungsleiter Wirtschaft, Soziales, Digitalisierung bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Patrick Meinhardt, Vorstandsmitglied der CEA-PME und Erick Yong, CEO & Co-Founder GreenTec capital partners. Die Veranstaltung wurde moderiert von Bernd Hüttemann, Generalsekretär Europäische Bewegung Deutschland e.V.

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