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  • 19.01.2011 - 14:55 GMT

Deutsche Bank: Makroökonomische Koordinierung – Was kann ein Scoreboard-Ansatz leisten?

Die Euroländer müssen ihre Wirtschaftspolitik künftig besser aufeinander abstimmen, um makroökonomische Fehlentwicklungen zu verhindern. Ein Ansatz zur wirtschaftspolitischen Steuerung ist ein makroökonomisches Scoreboard.

Ein Ansatz zur wirtschaftspolitischen Steuerung ist ein makroökonomisches Scoreboard. Nach Vorschlag der Europäischen Kommission soll ein Satz gesamtwirtschaftlicher Indikatoren der Politik helfen, Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen (präventiver Arm). Gegengesteuert werden soll dann, wenn vorab festgelegte Warnschwellen über- oder unterschritten werden (korrektiver Arm). Ein verbindlicher Indikatorensatz wurde jedoch noch nicht kommuniziert.
Einiges spricht für ein Scoreboard aus folgenden sechs Indikatoren: 1.
Leistungsbilanz, 2. Nettoauslandsposition, 3. Realer Effektiver Wechselkurs basierend auf Lohnstückkosten, 4. Realer Anstieg der Häuserpreise, 5. Öffentliche Verschuldung und 6. Verschuldung des Privatsektors.
Bei den einzelnen Schwellenwerten sind mehrere Formen vorstellbar.
Möglich sind asymmetrische Werte (Ober- oder Unterwert) oder symmetrische
Werte (Ober- und Unterwert). Schwellenwerte können weiterhin absolut (fixe
Grenze, die sich z.B. am BIP eines Landes bemisst) oder relativ gestaltet sein
(flexible Grenze, die sich am Durchschnitt der Gesamtheit der Länder orientiert).
Der Erfolg wirtschaftspolitischer Koordinierung über ein Makro-Scoreboard hängt auch von institutionellen Faktoren ab. Entscheidend
sind 1. Die Unabhängigkeit der Erhebung von Daten, 2. Die Transparenz von Verfahren und Indikatorenberechnung, 3. Die Einbindung in bestehende Prozesse der wirtschaftspolitischen Steuerung und 4. Sanktionsmöglichkeiten nach Ermessen. Während die Kommissionvorschläge die beiden ersten Erfolgsfaktoren erfüllen, ist die Einbindung in bestehende Prozesse der wirtschaftspolitischen Steuerung noch nicht hinreichend definiert. Ebenfalls steht noch nicht fest, ob das Verfehlen der Orientierungswerte tatsächlich sanktioniert wird.
Scoreboard-Ansätze sind mit drei strukturellen Problemen behaftet:
1. Endogenität: Scoreboard-Ansätze sind per se vergangenheitsorientiert und
hinsichtlich der wirtschaftspolitischen Aussagekraft für die Zukunft folglich begrenzt. 2. Lucas-Kritik: Die Messung politischer Ergebnisse über feste Indikatorensätzekann zu politischem Vermeidungsverhalten führen. 3. Zeitinkonsistenz: Zwischen Indikatorenanalyse, Politikempfehlung und möglichen Sanktionen liegt eine lange Zeitspanne. Dies kann die Zielgenauigkeit der Koordinierung negativ beeinflussen.
Die Vorschläge der Kommission können diese Probleme nicht
abschließend lösen.
Denkbar wäre, dem Indikator der Leistungsbilanz Vorrang über andere Indikatoren einzuräumen. Im Idealfall kann ein makroökonomisches Scoreboard über erhöhte Informationstransparenz einen guten Dienst für Politik und Märkte leisten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Den EU-Monitor im Volltext finden Sie hier:

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