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Institutionen & Zukunftsdebatte, Umweltpolitik

DGAP | Pandemiebewältigung eine Herausforderung, Klimaschutz eine Chance für die EU

Ergebnisse der Studie Future Forum Europe

  • Gesundheits- und Klimaschutzpolitik gewinnen aus Sicht deutscher Unternehmen an Bedeutung
  • Deutsche Unternehmen unterstützen die Klimaschutzpolitik der Europäischen Union
  • Klimaschutz könnte wirtschaftliche Position Europas gegenüber China schwächen und sie gegenüber den USA stärken
  • Brexit-Sorgen nehmen stark ab

Die Bewältigung der Corona-Pandemie ist aus Sicht deutscher Unternehmen derzeit die größte Herausforderung für die EU, direkt gefolgt von der Sorge vor fehlendem Zusammenhalt der EU-Mitgliedstaaten und den Herausforderungen in der Wirtschafts- und Währungsunion.

Im Vergleich zur Vorjahresbefragung hat die Migrationspolitik etwas an Relevanz verloren: Der Anteil der Unternehmen, die Zuwanderung und Migration als besonders drängendes politisches Problem bezeichnen, ist von 35 auf 23 Prozent gesunken.

Auch der Brexit bereitet weniger Unternehmen Sorgen als im Vorjahr: Gerade einmal acht Prozent der Unternehmen bezeichnen den Brexit als eine der Top-3-Herausforderungen für die EU. Vor einem Jahr lag der Anteil noch bei 37 Prozent.

Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von EY, DGAP und dem Wuppertal Institut, die das Meinungsforschungsinstitut forsa zwischen dem 30. Juli bis 3. September 2020 unter Führungskräften 400 deutscher Unternehmen durchgeführt hat. Befragt wurden Unternehmen mit mindestens 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

„Angesichts der enormen ökonomischen Schäden, die die Pandemie bereits verursacht hat und vermutlich noch verursachen wird, ist die überragende Bedeutung der Krisenbewältigung wenig überraschend – zumal Europa bei der Bekämpfung der Krise eine einheitliche Linie häufig vermissen lässt “, sagt Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick, Geschäftsführer des Wuppertal Instituts. „Wirklich bemerkenswert ist aber der deutliche Bedeutungszuwachs, den die Klimapolitik in den vergangenen Monaten erfahren hat. Der Klimawandel und die Möglichkeiten, diesen zu begrenzen, ist nun zu einem zentralen Handlungsfeld der Unternehmen geworden“, beobachtet Prof. Dr.-Ing. Fischedick. So stieg der Anteil der Unternehmen, die die Umwelt- und Klimapolitik als eine der drei größten Herausforderungen für die EU ansehen, im Vergleich zum Vorjahr von neun auf 26 Prozent.

„Die Wirtschaft hat sehr wohl wahrgenommen, dass die Europäische Kommission mit dem European Green Deal ein ehrgeiziges Klimaschutzprogramm vorgelegt hat. Auch die immer strengere Regulierung in diesem Bereich dürfte dazu beigetragen haben, dass das Thema aus Sicht der Wirtschaft enorm an Relevanz gewonnen hat und die Unternehmen sich damit beschäftigen, wie sie den Herausforderungen begegnen können“, sagt Dr. Daniela Schwarzer, Direktorin der DGAP. Sie ergänzt: „So wie die Klimaschutzagenda der Europäischen Kommission die europäischen Unternehmen in die Pflicht nimmt, so nehmen die befragten Unternehmen die Politik, bzw. die Europäische Kommission in die Pflicht und fordern, neben Unterstützung bei Innovationen und in der Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen, eine aktivere Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die Verknüpfung der Einhaltung von Rechtsstaatlichkeit und europäischen Finanzhilfen ist für die befragten Unternehmen ebenfalls von großer Bedeutung.“

„Es wird immer klarer, dass ein kompletter Umbau von Industrie, Energieversorgung, Verkehr und Landwirtschaft nötig ist und dass die Politik zunehmend gewillt ist, auch tiefgreifende Maßnahmen zu ergreifen, um diesen Umbau voranzutreiben. Die Unternehmen haben den Weckruf gehört und stellen sich darauf ein, dass hier zukünftig weitere politische Weichenstellungen zu erwarten sind.“, ergänzt Prof. Dr. Bernhard Lorentz, Managing Partner Markets bei EY und Leiter EYCarbon. EY hat alle seine Leistungen für eine Dekarbonisierung der Industrie in der Marke EYCarbon zusammengefasst.

Obwohl viele Managerinnen und Manager bezweifeln, dass das Ziel der Europäischen Kommission, bis 2050 Treibhausgasneutralität zu erreichen, tatsächlich erreicht werden kann. Nur 46 Prozent halten dieses Ziel für realistisch. „Hier muss offensichtlich noch einiges an Überzeugungsarbeit geleistet werden, am besten durch positive Beispiele, die nicht zuletzt vermehrt auch von den Unternehmen selbst kommen“, bewertet Prof. Dr.-Ing. Fischedick.

Klimaschutzpolitik soll den Standort Deutschland stärken

Die Auswirkungen der bevorstehenden Umbaumaßnahmen auf das eigene Unternehmen werden von vielen Unternehmen durchaus auch skeptisch gesehen: 23 Prozent rechnen eher mit Nachteilen für das eigene Geschäft, 37 Prozent mit Vorteilen – die übrigen Unternehmen sind unentschlossen.

In Summe aber wird nach Einschätzung der befragten Unternehmen der Wirtschaftsstandort Deutschland von einer ambitionierten Klimapolitik profitieren: 50 Prozent der Befragten sehen eher Vorteile für die deutsche Wirtschaft – nur 27 Prozent befürchten vorwiegend Nachteile, wobei der Anteil der Industrieunternehmen mit 35 Prozent überdurchschnittlich hoch ist. Von denjenigen, die eher von Vorteilen für Deutschland ausgehen, rechnen die meisten (75 Prozent) damit, dass sich die Exportchancen für die deutsche Wirtschaft auf längere Sicht verbessern werden. Passend dazu planen momentan 94 Prozent der befragten Unternehmen keine Standortverlagerungen ihres Unternehmens ins außereuropäische Ausland.

Im Wettstreit Europas mit den beiden weiteren großen Wirtschaftsmächten USA und China gehen die Einschätzungen der Unternehmen auseinander. So wird der Umbau der europäischen Wirtschaft in Richtung Klimaneutralität Europas Position gegenüber China nach Einschätzung von 44 Prozent der Unternehmen eher schwächen, während nur 37 Prozent eine Stärkung Europas sehen.

Anders fällt die Einschätzung im Hinblick auf das Verhältnis zu den USA aus: 45 Prozent der Unternehmen glauben, dass sich aus der angestrebten Klimaneutralität eher eine gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit Europas gegenüber den USA ergeben wird – nur 33 Prozent prognostizieren einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.

„Offenbar werden die USA nach wie vor eher als Partner denn als Rivale Europas gesehen, wobei auch die innenpolitische und wirtschaftliche Situation des Landes kurz vor der Wahl des US-Präsidenten im November 2020 sowie die schnelle wirtschaftliche Erholung Chinas aus der Corona-Pandemie, eine wesentliche Rolle in der Einschätzung der Befragten gespielt haben könnte“, sagt Dr. Daniela Schwarzer..

Unterm Strich aber gibt es von Seiten der Unternehmen viel Rückendeckung für den Plan, mehr Geld für den Klimaschutz auszugeben: So halten 82 Prozent der Unternehmen die Ausrichtung nationaler und europäischer Recovery-Programme hin zu mehr Investitionen in den Klimaschutz für richtig. „Die wirtschaftliche Erholung, die auf die Corona-Pandemie folgen wird, sollte so nachhaltig wie möglich gestaltet werden, Innovationen fördern und notwendige Transformationsprozesse beschleunigen. Allen voran die geplanten Investitionen in Verkehrsinfrastruktur und die mögliche Einführung von Klimazöllen zum Schutz vor außereuropäischer Konkurrenz kommen auch der deutschen Exportwirtschaft zu Gute und tragen vermutlich zusätzlich zu der großen Zustimmung der Unternehmen bei“, sagt Prof. Dr. Bernhard Lorentz.

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