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DGAP-Studie: Europa verliert technologische Anschlussfähigkeit

Die Europäische Kommission hat letzte Woche ihr lang erwartetes Paket für Künstliche Intelligenz (KI) vorgestellt. Es ist ein Versuch, die EU-weite Wettbewerbsfähigkeit voranzubringen. Um die ist es nicht nur im KI-Bereich nicht besonders gut gestellt. Das zeigt ein umfassender Bericht, den Tyson Barker, Leiter des Technologie-Programms und Kaan Sahin, bis März DGAP Research Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) veröffentlicht haben. Sie verorten Europas Handlungsfähigkeit in fünf Schlüsseltechnologien: KI, Halbleiter, 5G, Cloud- und Quantencomputing.

Lesen Sie den komplette Bericht Europe’s Capacity to Act in the Global Tech Race. Charting a Path for Europe in Times  of Major Technological Disruption“ hier (PDF: 44 Seiten).

Ergebnisse der Expertenumfrage

Eine für den Bericht durchgeführte Befragung von 126 Experten aus der europäischen Technologie- und Digitalpolitik in Regierungen, Industrie und Wissenschaft, zeichnet ein alarmierendes Bild von Europas aktueller Wettbewerbssituation. Angesichts einer deutlichen technologischen Abhängigkeit von Wettbewerbern wie den USA und China bewerten die Experten Europas Lage in wichtigen Technologiebereichen als „prekär“.

Die befragten Experten bescheinigen der EU und ihren Mitgliedstaaten vor allem eine wachsende Abhängigkeit in den Technologiesegmenten Cloud Computing (76 Prozent) und künstliche Intelligenz (68 Prozent), gefolgt von der 5G-Mobilfunktechnologie (54 Prozent). Die Stellung von Blockchain-Technologie, dem High Performance Computing (HPC) und von Quantentechnologien bewerten die befragten Experten weitgehend neutral. Alle drei Segmente seien im geopolitischen Diskurs der EU bislang nur wenig präsent. Allerdings gebe es Anzeichen dafür, dass die politische Relevanz dieser Technologiesegmente zunehme. Großes Vertrauen zeigt die Studie hingegen in die industrielle Basis Europas auf dem Gebiet des Internet der Dinge (IoT). Aber auch hier befindet sich die EU nach Ansicht von rund einem Drittel der Befragten in einem allzu großen Abhängigkeitsverhältnis zu außereuropäischen Akteuren (siehe Fig. 3).

Die größte technologische Abhängigkeit der EU besteht laut Studie nach wie vor zu den USA. Das gilt insbesondere für Cloud Computing (93 Prozent) und Künstliche Intelligenz (80 Prozent), aber auch für die Bereiche Blockchain, HPC und IoT. Eine größere Abhängigkeit Europas von China (65 Prozent) sehen die Befragten nur bei 5G und mobilen Netzwerken (siehe Fig. 4).

Angesichts der kritischen Bewertung von Europas technologischer Wettbewerbsposition in den einzelnen Segmenten überrascht dagegen die generelle Einschätzung der Experten: So bezeichnen sie die europäischen Fähigkeiten gegenüber Wettbewerbern immerhin als „technologisch gleichwertig“, wenn auch nicht als „führend“. Das zeigt zumindest ein festes Vertrauen in die industrielle Innovationsbasis Europas (siehe Fig. 5).

Gute Noten bekommt die EU auch laut Umfrage auf dem Gebiet des Risikomanagements, also für den erfolgreichen Umgang mit außereuropäischen Abhängigkeiten, die zu einer strategischen und geoökonomischen Verwundbarkeit führen könnten. Konkret zeige sich das besonders im Fall von Cloud Computing (67 Prozent), mit Abstrichen auch im Fall von 5G/Mobilnetzausrüstung, aber auch bei künstlicher Intelligenz, Blockchain, HPC und sogar IoT. Danach ist die EU zwar in der Lage, auf globale Wettbewerbsrisiken zu reagieren. Das Ergebnis zeigt aber auch: Die Risikowahrnehmung der EU ist akut.

Diese und weitere Ergebnisse finden Sie im Kapitel „Stakeholder Snapshot“ des Berichts. Handlungsempfehlungen für die Politik finden sich in den Folgekapiteln zu den Bereichen KI, Cloud Computing, Halbleiter, 5G und mobile Netzwerke, Quantencomputing.

Der Bericht “Europe’s Capacity to Act in the Global Tech Race. Charting a Path for Europe in Times  of Major Technological Disruption” wurde am 22.04.2021 von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politk (DGAP) veröffentlicht.