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EBD Exklusiv: Europapolitische Kommunikation im Web 2.0 – Deutschland noch Entwicklungsland

Das Web 2.0 ist kein kurzlebiger Trend, soviel war den 35 Teilnehmern von „EBD Exklusiv“, am 12. April 2011 zu Gast bei der EBD-Mitgliedsorganisation Telefónica Deutschland, bereits klar. Wie relevant jedoch die Social Media auch für die europapolitische Kommunikation in Deutschland geworden sind und welch sinnvolle Kommunikationsinstrumente das Web 2.0 gerade Interessengruppen und Institutionen bietet, das überraschte selbst eingefleischte Onliner.

Der Blogger und Gründer von techPolitics Jon Worth ging zu Beginn auf häufige  Fragen ein, die im Zusammenhang mit Facebook und Co. oft gestellt werden: Wie spricht man als Institution im Netz? Wie soll man mit Kritik umgehen? Grundsätzlich gilt: Glaubwürdigkeit im Netz entsteht aus dem Zusammenspiel von Transparenz und Urheberschaft. Unter dem Strich ist vor allem wichtig, dass auf den ersten Blick klar wird, wer schreibt. Auch wo geschrieben wird, ist relevant: dort wo Diskussionen bereits stattfinden und Kontroversen ausgetragen werden. Kritik an der eigenen Institution ist auch eine Chance zur Kommunikation. Dies bedeutet, nicht nur seine eigene Website zu pflegen, sondern überall im Netz präsent zu sein. So schafft man es auch, der gefürchteten „Silo-Mentalität“ zu entgehen.

Als einer der ersten Wissenschaftler überhaupt beschäftigt sich Prof. Dr. Wolfgang Stock, Leiter der Arbeitsstelle Medienrecht an der Europa-Universität Viadrina, mit dem populärsten Resultat des „user generated content“, der Wikipedia. Wer liest die Wikipedia? Die Antwort: Journalisten lesen, Politiker lesen, alle lesen. Das Onlinelexikon hat in Deutschland mittlerweile 1,3 Millionen Artikel und eine höhere Reichweite als die größten Massenmedien zusammen. Kaum jemand versteht jedoch, wie die Wikipedia funktioniert und wie die Wikipedianer ticken. Deren Anspruch ist gleichzeitig die Achillesferse: Millionen Menschen können weltweit ihr Wissen zusammentragen. Die gebündelte Intelligenz bringt idealerweise objektive und neutrale Artikel hervor.

Der Weg dorthin gestaltet sich jedoch nicht so einfach. Heftige, teils aggressive Diskussionen über die „richtige“ Darstellung sind an der Tagesordnung. Wer als Organisation diskreditiert wird, hat es schwer. Mangels oberster Instanz kann nicht gegen rufschädigende Artikel geklagt werden. Wie soll der Wikipedia da noch vertraut werden und wie kann da noch die Relevanz von Artikeln bewertet werden? Zum Beispiel mit Hilfe von Wiki-Watch, das Aussagen über die inhaltliche Qualität von Wikipedia-Artikeln durch die quantitative Analyse von Autoren, Quellen und Bearbeitungen erlaubt. Es besteht also Hoffnung, dass sich auch in Deutschland mehr Institutionen und Interessengruppen zu einer Wikipedia-Strategie entschließen.

Auf ein wichtiges Feld der Kommunikation zwischen Politik und Öffentlichkeit führte Friedrich Lindenberg, Open Knowledge Foundation, die Teilnehmer. Deren Ziel ist die offene Zugänglichkeit aller Formen von Wissen zu schaffen, wobei Wissen so verstanden wird, dass auch Regierungsinformationen und -daten umfasst werden. Mehrere Web 2.0-Projekte wurden ins Leben gerufen, die von Politikern, Journalisten, Wissenschaftlern und Multiplikatoren genutzt werden. Das Projekt Offener Haushalt zum Beispiel ermöglicht Recherche, Vergleich und Weitergabe aller Daten der bundesdeutschen Haushalte der vergangenen Jahre – intensiv genutzt von Haushaltspolitikern, Experten und Statistikern zur Auswertung der Haushaltsplanung. Andere Projekte sind etwa Visualisierungen und Datenvergleiche zur Energieerzeugung, -nutzung und -importabhängigkeit in Europa oder die freie Recherche in Parlamentsvorgängen und -papieren. Die breite öffentliche Nutzung offener Daten scheint nur eine Frage der Bekanntheit der Angebote.

Jon Worth schaute abschließend mit den Teilnehmern über den deutschen Tellerrand. Konkrete Beispiele gelungener Web 2.0-Tools zeigten eindrücklich, wie weit Institutionen und Interessengruppen in Großbritannien, Skandinavien und ansatzweise auf europäischer Ebene bereits sind. Britische Bürger können mittels FixMyStreet unbürokratisch und schnell ihre Bezirksverwaltung auf Schlaglöcher, flackernde Straßenbeleuchtung oder defekte Abwasserleitungen hinweisen. Das Angebot ist mittlerweile derart erfolgreich, dass einzelne Kommunen einen regelrechten Wettbewerb darum führen, wer die meisten über FixMyStreet gemeldeten Probleme beseitigt hat.

Eine mustergültige Verzahnung von Online- und Offline-Lobbying gelang der Firma Vattenfall mit ihrer Climate Signature Campaign. Jede der 239.591 Bürger, die unterschrieben hatten, wurde durch einen Plastik-Stellvertreter vor dem Europäischen Parlament repräsentiert. Die Kampagne kann auch deshalb als vorbildlich gewertet werden, weil statt „cklicktivism“, der folgenlosen Online-Partizipation, ein glaubwürdiges Commitment gesetzt wurde.

Der Blick über die deutschen Grenzen weckt Hoffnung. In Großbritannien gilt seit 2009 ein Verhaltenskodex für Staatsbedienstete, der bestimmt, dass und wie sie im Web 2.0 kommunizieren. Warum sollte das in Deutschland nicht auch zu schaffen sein?