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  • 11.04.2014 - 13:19 GMT

Europäische Industriepolitik 2020: Innovationsmotor Nanotechnologie: Chancen begreifen – den Dialog verstärken

Ihre Dimensionen sind winzig, aber ihr Potential riesig: Nanomaterialien sind Innovationsmotoren für die europäische Forschung und Entwicklung. Sie bieten unzählige Chancen in entscheidenden Lebensbereichen wie der Medizin, der industriellen Produktion, in Energiefragen und mehr. Um den Dialog zu verstärken, kamen mehr als 100 Akteure aus Unternehmen, nationalen Verbänden, Bundesministerien und Europäischer Kommission im Europäischen Haus in Berlin zusammen.

Eingeladen hatte die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission in Deutschland und mit Unterstützung des Netzwerk Europäische Bewegung Deutschland. Marie-Thérèse Duffy-Häusler, Leiterin der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland, unterstrich zu Beginn die Bedeutung des Themas, indem sie in ihrer Begrüßung auf viele mit Unterstützung von Nanomaterialien hergestellte Produkte hinwies, die das Leben bereichern.

Gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen

Otto Linher, stellvertretender Abteilungsleiter in der Generaldirektion Unternehmen und Industrie der Europäischen Kommission in Brüssel, hielt die Keynote-Speech auf der Tagung, in der die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen für die Innovationstechnologie im Vordergrund standen. Er ist seit vielen Jahren mit der europäischen Gesetzgebung zur Nanotechnologie befasst: „Nanomaterialien sind nicht so unerforscht, wie oft angenommen. Seit 20 Jahren gibt es auf diesem Gebiet gezielte Untersuchungen. Es gibt Testmethoden, die zur Risikobewertung herangezogen werden können und es steht fest, dass Nanomaterialien keine grundsätzliche Tendenz haben, für Menschen und Umwelt gefährlich zu sein.“

Aktuell finde seitens der Europäischen Kommission die zweite Überprüfung der Rechtsvorschriften zu Nanomaterialien statt, so Otto Linher. Die europäische Chemikalienverordnung REACH werde als bestmöglicher Rahmen für das Risikomanagement von Nanomaterialien angesehen, wenn sie als Stoffe oder Gemische auftreten. Doch es brauche eine Überarbeitung der REACH-Anhänge, Verbesserungen bei den Sicherheitsdatenblättern in der Praxis und Leitlinien für den Arbeitsschutz. Es blieben Informationslücken.


Nachhaltigkeit und  Chancen der Nanotechnologie

Ganz auf die Frage der Nachhaltigkeit der Werkstoffe konzentrierte sich der erste Kommentator der Keynote-Speech, Martin Müller vom Öko-Institut in Freiberg. Es würden Materialien und Werkstoffe existieren, die für die geforderte Funktionalität und über den gesamten Lebenszyklus betrachtet zu einer Umweltentlastung und mehr Lebensqualität führen und ökonomisch tragfähig sind. Müller schlug vor, gleich bei der Entwicklung eines Stoffes einen Nano-NachhaltigkeitsCheck einzuführen, mit einer Stärken-Schwächen/ Chancen-Risiken-Analyse. Als aktuelle positive Anwendungsbeispiele beschrieb er den von der BASF entwickelten Erhärtungsbeschleuniger für Beton X-SEED® und das elektrisch dimmbare Glas von EControl-Glas.

Das Bild der Chancen und Risiken griff Iris Wolf als zweite Kommentatorin auf, Bereichsleiterin der Abteilung Forschung/Innovation/Technologie der IG BCE. Den diffusen Ängsten vor den Risiken von Innovationstechnologien, die es insbesondere in Deutschland gebe, müssten Unternehmen und Politik mit einem offenen Dialog und mit verantwortlichem Handeln beim Arbeitsschutz begegnen – auf der Grundlage solider wissenschaftlicher Erkenntnisse. Nur so bekomme die Nanotechnologie proaktiv Chancen der Entwicklung. In Zukunft müsse die Gesellschaft die Chancen dieses Innovationsmotors sehen. Die Chemieindustrie beispielsweise mache 40 Prozent des Umsatzes der Nanotechnologie aus. Es gehe um den Aufbau, die Gestaltung und die Sicherung von Zukunftsarbeitsplätzen in Europa. Die Nanotechnologie sei dabei ein wichtiger Wettbewerbsvorteil.

Innovationen zum Marktprodukt entwickeln
Wie sehr das Thema die Gemüter bewegt, machte die sich anschließende lebhafte Diskussion deutlich. Weitere Aspekte der zukünftigen Bewertung und Entwicklung der Nanotechnologie wurden benannt. So stand gleich zu Beginn seitens der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin die Frage im Raum, ob bei der Sicherheitsforschung tatsächlich die Partikelgröße und somit die Nanomaterialien der richtige Fokus seien.

In der Folge ging es um die Registrierung der Nanomaterialien. Von einem Vertreter der Autoindustrie wurde ein – wenn überhaupt – vereinfachtes Nanoregister gefordert, während der Bundesverband der Verbraucherzentrale für gleich zwei Register plädierte: eines für die Behörden zur Risikoabschätzung und eines für die Verbraucher mit verständlichen, verwertbaren Information. Aus der mittelständischen Industrie regte sich energischer Widerstand: Mit weiteren bürokratischen Auflagen werde den Unternehmen die Luft für Innovationen genommen. Fortschritte wie die Nanotechnologie dürften nicht stigmatisiert werden, betonte der Vertreter eines Chemiekonzerns, Europa brauche dringend ein neues innovatives Technologiezentrum. Auch für Otto Linher von der Europäischen Kommission ist klar: „Es muss in Europa darum gehen, wirklich die Innovationen zum Marktprodukt zu entwickeln. In diesem Punkt liegen wir noch weit hinter der USA.“

Vertrauen schaffen: Die Nanotechnologie braucht den Dialog
An dieser Stelle bewegte sich die Diskussion immer weiter in Richtung der Akzeptanz der Nanotechnologie in der Bevölkerung. Verbraucher wollen Informationen, nicht Bestandsaufnahmen, so der Tenor. Ein Problem sei, dass die Nanotechnologie in den Medien nur auf den Wissenschaftsseiten und somit weit entfernt von der Lebenswelt der Verbraucher auftauche. Aus der Verbraucher Initiative e.V. ging die Forderung an die Unternehmen, transparenter zu ihren Produkten zu kommunizieren – schließlich würde umgekehrt immer gefordert, dass der Nutzen der Nanotechnologie in der Öffentlichkeit stärker betont werden solle. Die Organisation einer guten Kommunikation sei eines der aktuell wichtigsten Themen. Otto Linher von der Europäischen Kommission stimmte dem zu: In der öffentlichen Diskussion müsse vor allem die Frage beantwortet werden, wie Nanomaterialien einzuschätzen sind. Allein die Informationen, in welchen Produkten Nanomaterialien enthalten sind, riskiert Verunsicherung von Konsumenten, und ist nicht geeignet Vertrauen zu schaffen.

Der Gebrauchswert muss klar werden – mit diesem Credo beendete Iris Wolf von der IG BCE ihren Schlusskommentar. Hier seien auch die Unternehmen der chemischen Industrie angehalten, stärker daran zu arbeiten – so wie es die BASF mit ihrem Nano-Dialog startete.

Moderator der Diskussion war Bernd Opens internal link in current windowHüttemann, Generalsekretär der Europäischen Bewegung Deutschland. Er lobte im Verlauf mehrfach die sachliche Form der Auseinandersetzung und schloss humorvoll mit einer von vielen Erkenntnissen, die er aus der Tagung mitnehme: Nano-Dialoge sind große Dialoge.
Fotos und Text von Susanne Schneider-Kettelför