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Bildung, Jugend, Kultur und Sport

Fachdialog zu Erasmus+ und dem Europäischen Bildungsraum

Europaskepsis, soziale Ungleichheit und die Herausforderungen der Digitalisierung – gute Gründe, gerade zum jetzigen Zeitpunkt in neue europäische Initiativen in der Bildung zu investieren, gibt es viele. Neben Bildungsqualität geht es dabei auch um Lebenschancen für junge Menschen und die Frage, welche Art von Gesellschaft wir in Europa haben wollen. Deshalb ist Bildung auch von einer reinen Expertendiskussion auf Ministerebene unter die Top-Prioritäten der EU-Führungsspitzen gerückt. Und deshalb will die Europäische Kommission auch trotz der schwierigen Verhandlungen zum nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen der EU das Budget für Bildung aufstocken. Die Vision für 2025: Grenzenloses Lernen, Studieren und Forschen in einem Europa, das zusammengehalten wird von einem starken kulturellen Erbe.

Eine konstruktive und facettenreiche Diskussion darüber, wie Bildung in Europa besser verzahnt werden kann und die neue Generation des Erasmus+ Programms finanziell und strukturell ausgestaltet werden könnte, lieferten sich die Bildungsexperten auf dem Fachdialog, der von der Europäischen Bewegung Deutschland e.V. und der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland ausgerichtet wurde. Die Moderation übernahm Frank Burgdörfer, Vorstandsmitglied der Europäischen Bewegung Deutschland, während Michael Teutsch, Referatsleiter aus der Generaldirektion Bildung der Europäischen Kommission, die Pläne der Kommission vorstellte.

Teutsch skizzierte den Entstehungsprozess und die Inhalte des Kommissionsvorschlags für einen Europäischen Bildungsraum. Dieser weitreichende Vorschlag spiegele unter anderem die Unzufriedenheit der Kommission mit den mangelnden Fortschritten des Bologna-Prozesses. Durch die Beteiligung von fast 50 Ländern sei die Abstimmung hier langwierig. Das neue Konzept soll dieses Verfahren beschleunigen. Zudem berichtete Teutsch von den Ergebnissen der  Zwischenevaluierung des Programms Erasmus+ und warb für eine aktive Teilnahme an der momentan offenen Konsultation zum Nachfolgeprogramm.

Formale Bildung in Schule und Hochschule

Auf dem ersten Podium diskutierten Henk van Liempt, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Peter Ortmanns, Sekretariat der Kultusministerkonferenz, und Katrin Fohmann, Deutscher Akademischer Austauschdienst, über die Vorschläge der Europäischen Kommission für einen europäischen Bildungsraum und Erasmus+. Auch Gernot Stiwitz, Pädagogischer Austauschdienst, und Stephan Venzke, Erasmus+ Beauftragter im Bundesrat, nahmen am Austausch teil.

Das Konzept für einen europäischen Bildungsraum wurde grundsätzlich begrüßt, dessen Entstehung auf höchster politischer Ebene jedoch kritisiert: Besorgt äußerte sich Peter Ortmanns über die Beachtung des Subsidiaritätsprinzips, welches durch die Leaders Agenda ausgehebelt zu werden drohe. Der Kommission wurde zudem vorgeworfen, dass sie Erasmus+ nutze, um eigene politische Prioritäten voranzubringen und so dessen Eigenschaft als Mobilitätsprogramm unterwandere. Begrüßt wurde jedoch die Idee eines Netzwerks Europäischer Hochschulen, die nach dem Vorbild der deutsch-französischen Hochschulen ausgestaltet werden könnten. Katrin Fohmann vom DAAD äußerte sich allerdings skeptisch und stellte die Funktionalität solcher Netzwerkhochschulen in Frage, da die gegenseitige Anerkennung der Abschlüsse auf europäischer Eben in der Praxis nach wie vor schwierig sei.

Obwohl die Teilnehmenden aus ganz verschiedenen Bildungsbereichen kamen, lobten sie das Erasmus+ Programm, das in seinen Grundstrukturen gut aufgestellt sei – eine Erfolgsgeschichte. Es herrschte breiter Konsens in Bezug auf die Forderung nach höheren Finanzmitteln, einer Erleichterung des Verwaltungsaufwands, größerer Flexibilität und der Stärkung der einzelnen Programmkomponenten bzw. besserer Sichtbarkeit der unterschiedlichen Zielgruppen. In ihren gemeinsamen Kernforderungen zur Zukunft von Erasmus+ betonen BMBF, Länder und KMK, dass ein zukünftiges Programm stärker an sozial benachteiligte Gruppen ausgerichtet sein und zudem auch geographisch erweitert werden müsse. Außerdem müsse den Mitgliedstaaten ein größerer Spielraum für individuelle Schwerpunkte ermöglicht werden. In Deutschland sei das zum Beispiel beim Thema Geflüchtete der Fall, so Henk van Liempt.

Das Publikum ergänzte weitere Verbesserungsvorschläge, etwa den Einsatz von Fachberatern oder die Vergabe von Deputatsstunden für Förderanträge, um Lehrkräfte und Schulleitungen zu entlasten, die engere Einbindung des ESF und gemeinsame Programme für Senioren und junge Zielgruppen.

Non-formale Jugendbildung

Auf dem zweiten Podium diskutierten Uwe Finke-Timpe, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Lisi Maier, Deutscher Bundesjugendring,  und Hans-Georg Wicke, Agentur Jugend für Europa, über die non-formale Bildung und Jugendpolitik. Die Panellisten forderten einstimmig, dass die non-formale Bildung nicht vergessen werden dürfe. Gerade wegen ihrer Niederschwelligkeit und ihrem Fokus auf Handlungskompetenzen sei sie wichtig für die Entwicklung junger Menschen. Sie trage entscheidend zu mündiger EU-Bürgerschaft bei. Deshalb wurde in Bezug auf die Ratsbeschlüsse und die Initiative der Kommission zum Europäischen Bildungsraum scharf kritisiert, dass die non-formale Jugendbildung nicht einbezogen wurde.

Fehlende Mittel seien in diesem Bereich das größte Hindernis, was dazu führe, dass fast die Hälfte aller Anträge nicht bewilligt werde. Ein weiteres Hemmnis bestünde außerdem in dem aufwendigen Antragsverfahren, das viele junge ehrenamtlich Tätigen überfordere. Lisi Maier vom DBJR forderte eine Stärkung des Programms Jugend in Aktion und eine strukturelle Einbeziehung demokratischer gesellschaftlicher Verbände in die Konzeption der EU-Programme.  Weiterhin warnt sie vor einer Instrumentalisierung des Erasmus-Programms für den Arbeitsmarkt, da für Jugendlichen auch Persönlichkeitsentwicklung wichtig sei.

Das Publikum bekräftigte den Vorwurf, dass die Kommission die non-formale Jugendbildung mangelhaft berücksichtigt habe. Michael Teutsch bezeichnete die geringe Sichtbarkeit der non-formalen Bildung im neuen Europäischen Bildungsrahmen als problematisch, hoffte aber, dass diese später noch eingebunden werde.

Berufliche Bildung und Erwachsenenbildung

Das letzte Podium widmete sich beruflicher und Erwachsenenbildung, es diskutierten Barbara Fabian, Deutsche Industrie- und Handelskammer, Klaus Fahle, Nationale Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung, Hans Ulrich Nordhaus, Deutscher Gewerkschaftsbund, Christian Sperle, Zentralverband des Deutschen Handwerks e.V. und Laura Wyss, Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände.

Die Panellisten hoben die praktischen Besonderheiten beider Bereiche hervor und begründeten damit ihren Wunsch nach größerer nationaler Flexibilität. Mit dem deutschen Berufsbildungssystem mit einem großen Anteil an betrieblicher Ausbildung wären zum Beispiel lange Austauschphasen nicht so gut vereinbar wie mit dem französischen. Der DGB bemängelt, dass im Bereich der Weiterbildung bislang zu wenig getan wurde – 5 Prozent am Gesamtbudget seien einfach zu gering.

DIHK und BDA wünschen sich eine zielgruppengerechtere Ansprache der Auszubildenden. Laut ZDH sei eine regionale Präsenz erforderlich, um eine Beratungsinfrastruktur für Betriebe, vergleichbar mit den International Offices in den Hochschulen, zu schaffen. Auch das Sprachlerntool müsse besser an die Bedürfnisse der Auszubildenden angepasst werden. Für Klaus Fahle von der Nationalen Agentur beim BIBB sind Kompetenzerwerb und Identitätsbildung keine Gegensätze – in der Praxis ginge das sowieso Hand in Hand.

In seinem Fazit fasste Michael Teutsch von der Generaldirektion Bildung die zahlreichen Anregungen von Podium und Publikum zusammen und dankte für die konstruktiven Rückmeldungen. Diese werden sicherlich in die Ausgestaltung des Nachfolgeprogramms Erasmus+ und des Europäischen Bildungsraumes einfließen. Die Veranstaltung wurde protokolliert und die Mitschrift den Teilnehmenden zeitnah zur Verfügung gestellt.