Aktuelles > Friedrich-Naumann-Stiftung | Ost und West – zweierlei Maß beim Verbraucherschutz?

Artikel Details:

Beschäftigung, Sozialpolitik, Gesundheit & Verbraucherschutz, Landwirtschaft & Fischerei

Friedrich-Naumann-Stiftung | Ost und West – zweierlei Maß beim Verbraucherschutz?

Elementarer Bestandteil der Europäischen Union ist der gemeinsame Markt. Zu erwarten wäre, dass ein Produkt an jedem Verkaufsort über dieselbe Qualität verfügt. Laut einer neuen Studie des tschechischen Landwirtschaftsministeriums ist jedoch die Qualität der Lebensmittel in östlichen Märkten signifikant niedriger als im Westen. Ausgerechnet die für ihre Euroskepsis berühmten Visegradländer (V4) rufen deshalb nun nach einer gesamteuropäischen Lösung. Aber brauchen wir die tatsächlich?

Das tschechische Landwirtschaftsministerium hat eine Untersuchung durchgeführt, die zeigt, dass Lebensmittel in verschiedenen Ländern oft eine unterschiedliche Qualität aufweisen, selbst wenn Marke und Packung identisch sind. Von 21 ausgewählten Produkten, die in Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Österreich und Deutschland gekauft wurden, waren nur drei völlig identisch. So enthielten die Kartoffelchips von Lays in Tschechien z.B. mehr Palmöl als in Deutschland, während die Fish Fingers von Iglo in Tschechien einen geringeren Fischanteil  (50,2 Prozent) aufwiesen als die in Deutschland (63,8 Prozent). Auch die Menge von Vitamin B9 in 100g Kakao Nesquick war in Deutschland um 150 Prozent höher als in Tschechien. Dieselbe Situation sieht man auch bei Waschmittel. Der Anteil von Aktivstoffen in 100g Persil beträgt in Deutschland und Österreich 11,3 Gramm, in Tschechien, Slowakei und Ungarn sind es nur 9,5 Gramm. Ähnliche Unterscheide gab es bei Schokolade, Coca Cola und, was sehr wichtig ist, auch bei Baumaterialen.

Manch einer könnte meinen, dass diese Unterschiede auch sinnvoll sein können. Die Tschechen verfügen über eine niedrigere Kaufkraft und können mit dem Weniger an Geld nicht so viel für Lebensmittel ausgeben wie die Deutschen. Abgesehen davon, dass es aus ökonomischer Sicht keinen zwingenden Grund gibt, warum Preise günstiger sein müssen, wenn das Lohnniveau geringer ausfällt, ist, nebenbei bemerkt, der Preis von Lebensmitteln mit niedrigerer Qualität in Tschechien höher als der für Lebensmittel mit hoher Qualität in Deutschland. Andere Länder, andere Bräuche, sagen viele Firmen dazu. Sie machen geltend, dass sie nur die Geschmackspräferenzen ihrer Kunden respektieren. Ich weiß wenig über Geschmackspräferenzen, aber wenn es zum Beispiel ums Wäschewaschen geht, würde ich persönlich das Waschpulver mit der größten Reinigungskraft bevorzugen, das mit den Flecken fertig wird. Dieselbe Argumentation gilt auch bei der Menge von Vitaminen (die geschmacklos sind), dem Anteil von Fleisch/Fisch oder der Solidität von Baumaterialen.

Die tschechische Lösung

Die Tschechen stehen, das bestätigen Umfragen, allem skeptisch gegenüber, das auch nur im Entferntesten mit der EU und ihren Regulierungen in Verbindung gebracht wird (den Europarat inbegriffen). Deshalb hätte man eigentlich erwarten sollen, dass sie die Problematik der Lebensmittelqualität eher mit liberalen und marktwirtschaftlichen Ideen lösen würden. Überraschenderweise war das Gegenteil der Fall.

Der tschechische Landwirtschaftsminister Marian Jurečka will die Studie dazu nutzen, Druck auf die EU-Kommission auszuüben, damit sie das Problem der Doppelstandards bei den Lebensmitteln löst. Und damit steht er nicht allein. „Das Zögern der Kommission ist inakzeptabel. Die Mitgliedstaaten müssen den Druck aufrechterhalten!“, sagte die tschechische sozialdemokratische Europaabgeordnete Olga Sehnalová, die 2012 und 2015 eine ähnliche Studie durchgeführt hatte.

Die ungarische Lösung

Aber nicht nur in der Tschechischen Republik ist man frustriert. Auch in Ungarn ist man nicht glücklich über die Lage auf dem heimischen Lebensmittelmarkt. Im Gegensatz zu anderen Ländern, die auf eine gemeinschaftliche Lösung zu warten bereit sind, geht Budapest allerdings einsam weiter auf dem Wege seiner eigenen Rechtsvorstellungen.

Ungarn möchte das Problem doppelter Qualitätsstandards mit einem neuen Gesetz beseitigen, das Produzenten und Lieferanten zwingt, in Ungarn verkaufte Lebensmittel zu markieren, die einen anderen Inhalt haben als im Ausland – ganz gleich, ob Marke und Packung identisch sind. Ähnlich wie bei seinem berüchtigten NGO-Gesetz muss man zu dem Schluss kommen, dass das Victor Orbáns Patentlösung für alle Probleme ist: “Brandmarke etwas als ausländisch, dann will es auch niemand mehr.”

Es gibt nichts, was Konsumenten nicht könnten

Zurzeit gibt es tatsächlich keine Gesetze, die Produzenten zwingen diese zwischenstaatlichen Ungleichheiten zu beheben. Die Frage bleibt jedoch bestehen: Brauchen wir die überhaupt? Es gibt hinreichend Beispiele dafür, dass Kundenmacht solche Probleme schneller und effektiver löst, als es jede Gesetzgebung tun könnte.

Ein Beispiel aus dem Jahr 2015 zeigte dies eindrücklich: Eine Studie konnte nachweisen, dass die Firma Pepsi Co. künstliche Süßstoffe statt echten Zucker verwendete. Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Studie passierten zwei Dinge. Erstens: bei der nächsten Marktanalyse bestätigten 90% der Kunden, dass sie keine künstlichen Süßstoffe in ihrer Limonade haben wollten. Zweitens: die Firma verwendete wieder das Rezept mit Zucker.

Den vollständigen Artikel finden Sie hier.

keine Kommentare

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Abbrechen