Aktuelles > Niedrige Zinsen gegen die Unsicherheit | EBD De-Briefing zur EZB-Ratssitzung

Artikel Details:

Wirtschaft und Finanzen

Niedrige Zinsen gegen die Unsicherheit | EBD De-Briefing zur EZB-Ratssitzung

Wie wirkt sich der Handelskonflikt zwischen den USA und China auf den Außenhandel der EU aus und was bedeutet er für die Zinspolitik der Eurozone? Diese war eine der Fragen, welche der EZB-Rat während seiner Sitzung am 06.06.2019 im litauischen Vilnius beriet.

Aufgrund der anhaltend niedrigen Inflationsrate in der Eurozone sowie der Unsicherheiten rund um Handelskonflikte und Brexit, hat sich die EZB dazu entschlossen, die Niedrigzinspolitik mindestens bis Mitte 2020 fortzusetzen. Die in Deutschland immer wieder geforderte Kehrtwende mit Blick auf die für Sparerinnen und Sparer ungünstig niedrigen Zinsen lässt also noch länger auf sich warten. Nun hat EZB-Chef Mario Draghi festgestellt, dass es noch keine Normalisierung der Zinspolitik geben könne, da die Zeiten nach wie vor nicht normal seien. Sogar eine weitere Zinssenkung wurde laut Draghi als Möglichkeit angesprochen, nachdem auch in USA nach einer Reihe von Zinserhöhungen wieder über Senkung diskutiert wird.

Beim EBD De-Briefing im Europäischen Haus in Berlin zur EZB-Sitzung diskutierten EZB-Pressesprecher Peter Ehrlich und Tobias Linzert, Head of Section der Generaldirektion Geldpolitik der EZB, mit etwa 40 Gästen die Beweggründe für diese Entscheidung. Insgesamt seien die vielseitigen Unsicherheiten, welche die Weltwirtschaft gegenwärtig bestimmen, ausschlaggebend gewesen. Neben dem ungeklärten Austritt Großbritanniens aus der EU und dem ungelösten Handelsstreit zwischen den USA und China, trage auch die sinkende Nachfrage in vielen Schwellenländern zu einem globalen Rückgang der Handelstätigkeit bei. Dieser betreffe insbesondere das verarbeitende Gewerbe, welches stärker als der Dienstleistungssektor von der Außenwirtschaft abhängig sei. Aufgrund des Rückgangs der Nettoexporte sei daher aktuell eine deutliche Divergenz zwischen verarbeitender Industrie und Dienstleistungen zu beobachten.

Neben dem Außenhandel und der globalen Konjunkturlage ist die Inflationsrate das entscheidende Kriterium für die Zinspolitik der EZB. Die niedrige Inflationsprognose von 1,3% in 2019 für die Eurozone – die sich in 2020 auf 1,4% und in 2021 auf 1,6% erhöhen soll – liegt weiterhin deutlich hinter der Zielmarke von 1,9%. Daher sei die Entscheidung, den Leitzins nicht zu erhöhen, auch mit der Hoffnung verbunden, über den Preisdruck die Inflationsrate stärker an die Zielvorgabe heranzuführen. Angenommen wird dabei, dass ein niedriger Leitzins die Nachfrage von Unternehmen und Haushalten nach Krediten erhöht und damit die Investitions- bzw. Konsumtätigkeit fördert, was wiederum die Konjunktur beleben und die Inflationsrate erhöhen sollte.

Zu den einstimmigen Beschlüssen des EZB-Rates in Vilnius gehörte auch die Festlegung von Details für eine Serie neuer Langfristkredite an Geschäftsbanken in der Eurozone, die ab September aufgelegt werden und auslaufende Refinanzierungsgeschäfte ersetzen.

In der anschließenden Fragerunde ging es unter anderem um das Defizitverfahren der EU-Kommission gegen Italien. Aus Sicht der EZB sei es in diesem Zusammenhang nicht zielführend, Horrorszenarien zu entwerfen. Auch stünden die italienischen Banken nicht so schlecht da, wie dies häufig dargestellt werde. Dennoch sollte die italienische Regierung die gegenwärtige Niedrigzinsphase nutzen, um Schulden abzubauen.

Was richtet beim „Brexit“ den größeren Schaden an – ein ungeordnetes Ausscheiden Großbritanniens aus der EU oder die Fortsetzung der Ungewissheit? Die Hängepartie zwischen London und Brüssel sei bereits seit geraumer Zeit Dauerzustand und die Banken hätten genügend Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Dennoch hätte ein „No-Deal-Brexit“ weitreichende ökonomische Verwerfungen zur Folge, die sich nur schwer prognostizieren ließen. In die bisherige Wachstumsprognose, welche von 1,2% BIP-Zuwachs für das Jahr 2019 für die Eurozone ausgeht, sei ein solches Szenario jedenfalls nicht einbezogen worden.

Auch wenn sich die Eurozone gegenwärtig nicht mehr in einer akuten Krisensituation befindet, sieht sich die EZB mit einer Vielzahl an Unabwägbarkeiten konfrontiert. Mit dem Handelskonflikt zwischen den USA und China, der rückläufigen Nachfrage nach Industriegütern in vielen Schwellenländern und einem drohenden „No-Deal-Brexit“ besteht eine Vielzahl an Unsicherheiten für die Weltwirtschaft. An den Finanzmärkten werde daher mittlerweile davon ausgegangen, dass auch die amerikanische Zentralbank ihren Leitzins im Laufe des Jahres wieder senkt.

keine Kommentare

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Abbrechen