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Sherpakratie-Kritik erreicht finnische Medien

Die Kritik am Sherpakratie-System von nur wenigen aber sehr einflussreichen EU-Beratern in den Regierungszentralen internationalisiert sichDen Anfang machte der italienische Europa-Staatsminister Sandro Gozi, der von „Sherpacrazia“ sprach und damit die mangelhafte demokratische Kontrolle von nationaler EU-Politik beschrieb. Aufgenommen wurde dies jungst unter dem deutschen Stichwort „Sherpakratie durch EBD-Präsident Dr. Rainer Wend. In der wichtigsten finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat wird nun eine nordische Version von „Sherpakratiasta“ beschrieben: Kare Halonen ist der einflussreiche Sekretär im EU-Ausschuss des finnischen Staatssrats und Berater für EU-Angelegenheiten des finnischen Premierministers Juha Sipilä.

„Die finnische EU-Politik wird von einem angesehenen, unerbittlichen und auch gefürchteten Mann gesteuert“

Die erste Hintergrundreportage zum Sherpakratie-System Finnlands erschien dieser Tage in der größten finnischen Tageszeitung Helsingin SanomatFazit des Berichts: „Die finnische Außenpolitik wird von einem angesehenen, unerbittlichen und auch gefürchteten Mann gesteuert – Er hat unter fünf finnischen Premierministern gedient, trotzdem gibt es über ihn nicht mal einen Wikipedia-Artikel.“ 

Halonen sei die einflussreichste Einzelperson Finnlands, Dank seiner über 30jährigen beruflichen Tätigkeit als Beamter im finnischen Außenministerium. In der 22jährigen Mitgliedschaft Finnlands zur EU seien Sherpas wie Halonen diejenigen Beamten, die den finnischen Apparat aufrecht hielten und aktiv an der europapolitischen Ausrichtung des Landes mitarbeiten würden. Internen Quellen zur Folge trage Halonen den Alias „der direkte Finne“, was auf ihn zum einen als Experten für EU-Angelegenheiten auszeichne, er andererseits Unwissen bei Kollegen und Journalisten nicht toleriere. Gerade in Zeiten der Finanzkrise griff die finnische Regierung auf ihren Sherpa zurück. In informell tagenden Gruppen würden Lösungen erarbeitet und damit Handlungsmacht konzentriert.

EBD-Generalsekretär Bernd Hüttemann bestätigte im Interview mit der finnischen Zeitung die kritische Haltung der EBD gegenüber der Sherpakratie„Sherpas sollten Politikern dienen, aber sie sind vielleicht sogar wichtiger als Politiker. In den Hauptstädten muss man immer fragen: Moment mal, wer ist dieser Sherpa, wie viel Macht hat er, wie präsent ist er, wie oft besucht er das Parlament und was passiert dann eigentlich?“

Halonen wich, ganz Sherpa, im Interview mit der Helsingin Sanomat dieser Kritik aus. Für ihn seien Sherpas nur da, den Politikern zu dienen. Glaubt man ihm, seien Sherpas nicht einmal Berater, sondern lediglich Hilfskräfte der EU-Botschafter und Minister.
Anmerkung: Kurz nach Veröffentlichung im Helsingin Sanomat gibt es inszwischen einen Wikipedia-Artikel zu Karo Halonen. https://fi.wikipedia.org/wiki/Kare_Halonen 
  1. agtrier
    agtrier August 10th,2017 13:05:55 Kommentar #317

    Ich verstehe die Kritik nicht. Der Sinn und Zweck, Beamte (also „Staatsdiener“ in solchen Positionen zu haben ist, dafür zu sorgen, dass Wissen über die „Politikergenerationen“ hinweg erhalten bleibt und nicht jeder neu gewählte Politiker wieder von Null anfangen muss (siehe gerade Großbritannien für ein gutes Beispiel, wie’s besser nicht gehen sollte).

    Ebenso ist es gut, dass sich diese Leute keiner Wahl stellen müssen – ansonsten hätten wir da lauter „Beamte“, die gut darin sind, sich in der Öffentlichkeit zu verkaufen und nicht solche, die sich mit der Materie auskennen. Es reicht ja, wenn ihre Dienstherren (eben die Politiker) das so machen… (bevor jemand fragt: ja, es ist gut, dass diese der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig sind – nur eben nicht die Leute im Hintergrund, die sollen ihre Arbeit tun).

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