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Landwirtschaft & Fischerei, Umweltpolitik

UFOP | UFOP-Perspektivforum sieht Ackerbau derzeit im Stresstest

Mit Raps, Sonnenblumen und Körnerleguminosen zu resilienteren Anbausystemen finden

Berlin, 26.09.2022. „Wir dürfen uns von den Erträgen dieses Jahres nicht blenden lassen: Der Ackerbau befindet sich in der Tat und zunehmend spürbarer im Stresstest.” Mit diesem Verweis führte der Vorsitzende der Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen e. V. (UFOP), Detlef Kurreck, in das Perspektivenforum ein, das letzte Woche an der Fachhochschule Südwestfalen in Kooperation mit dem Fachbereich Agrarwirtschaft in Soest und als Live-Stream stattgefunden hat. Das Programm verknüpfte die sich im Zuge des Green Deal und dem rasch fortschreitenden Klimawandel manifestierenden mit den durch den Ukraine-Krieg zusätzlich auftretenden Herausforderungen für die Landwirtschaft und zeigte Lösungsansätze auf. Die Videomitschnitte und die Vorträge sind nun auf der UFOP-Webseite verfügbar.

Die Landwirtschaft ist unmittelbar von den Klimafolgen betroffen, kann aber steigenden Energiekosten und Klimaschutzauflagen nicht wie andere Wirtschaftszweige durch Androhung bzw. durch Umsetzung einer Standortverlagerung entgehen. Daher gilt es gerade heute, das Klimaschutzpotenzial der Landwirtschaft auch im Sinne einer zusätzlichen Wertschöpfung im Dialog der Marktakteure zu entwickeln. In diesem Umfeld wird auch die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik umgesetzt mit einem nationalen Strategieplan, der eher den Charakter eines sanktionsbewährten Lastenheftes hat. Hinzu kommt, dass der von der EU-Kommission jüngst vorgelegte Verordnungsentwurf mit pauschalen Reduktionsvorgaben bei Dünge- und Pflanzenschutzmitteln die Produktivität in der EU sinken lassen und den eigenverantwortlichen Handlungsspielraum der Erzeuger einschränken wird.

Gleichzeitig ist die europäische Landwirtschaft infolge des Ukrainekrieges gefordert, einen maßgeblichen Beitrag zur Ernährungssicherung zu leisten. Daher ist der Widerspruch vorprogrammiert. Dieses Spannungsfeld definiere den Stresstest, dem der Ackerbau in Deutschland derzeit unterzogen werde, so Kurreck.

In ihrem Impulsvortrag „Klimakrise und klimapolitische Ziele – was kommt auf die Landwirtschaft zu?“ wies Dr. Mareike Söder, Stabsstelle Klima und Boden am Thünen-Institut Braunschweig, auf die erheblichen Auswirkungen des Klimawandels auf den Ackerbau hin, die sich nicht nur auf Ertragsverluste beschränken, sondern auch auf die Veränderung von Wachstumsperioden, Blühzeitpunkten, Krankheits- und Schädlingsauftreten. Die gute Botschaft war, dass Mitteleuropa zu den Weltregionen gehören wird, für die bis 2050 die geringsten Ertragsänderungen durch den Klimawandel prognostiziert werden. Trotz aller notwendigen Maßnahmen zum Abbremsen des Klimawandels sei es aber unstrittig, dass Essen und Trinken für das menschliche Leben alternativlos sind. Eine vollständige Klimaneutralität der landwirtschaftlichen Erzeugung ist daher auch nicht realisierbar.

Im Vormittagspanel stellten Udo Hemmerling, Deutscher Bauernverband, Prof. Dr. Reimer Mohr, Fachhochschule Kiel, und Prof. Dr. Henning Kage, Universität Kiel, ihre Sicht auf neue Umweltschutzauflagen und die EU-Förderkulisse sowie teure Produktionsmittel und steigende Produktpreise vor und gaben Empfehlungen, wie der Ackerbau reagieren sollte. Hemmerling betonte, dass die Landwirtschaft viele Möglichkeiten und Wege habe, die Treibhausgas-Emissionen zu verringern. Allerdings wurde auch deutlich, dass vielfältige Wechselwirkungen bestehen. Insofern stellt es die Landwirte vor große Probleme, wenn die Politik bei einem Thema regulierend eingreift und die Auswirkungen am anderen Ende des Systems nicht berücksichtigt. Dies zeigt sich gerade bei der Umsetzung der Farm to Fork-Strategie im Verordnungsvorschlag zum nachhaltigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Eine pauschale Reduktion und der gänzliche Ausschluss der Pflanzenschutz-Anwendung in weiten Bereichen – den sogenannten „sensiblen Regionen“ – würde zu einer drastischen Reduktion der Erträge führen. Das sei kontraproduktiv für den Klimaschutz und führe zu Leakage-Effekten, da Lebens- und Futtermittel dann anderenorts produziert würden.

Prof. Mohr führte den Veranstaltungsteilnehmern nochmals klar vor Augen, dass Resilienz im Ackerbau durch verschiedene Kulturen in erweiterten Fruchtfolgen unverzichtbar ist. Daran änderten auch die im Frühjahr 2022 stark gestiegenen Produktpreise für Weizen und Raps nichts. Einerseits sei Risikostreuung vor dem Hintergrund der zunehmenden Wetterextreme ein Gebot der Stunde. Andererseits könnten die bereits existierenden ackerbaulichen Probleme enger getreidelastiger Fruchtfolgen heute nicht mehr mit einer Intensivierung von Düngung und Pflanzenschutz gelöst werden. 

Prof. Kage setzte sich mit aktuellen und künftigen Eingriffen der Agrarpolitik auseinander und deren Einflüssen auf den Ackerbau. Ein wesentlicher Schwerpunkt lag auf der Stickstoffdüngung und seiner Kritik an einer nicht ausreichend wissenschaftsbasierten Herangehensweise. Er hob weiterhin hervor, dass das Sektorziel Landwirtschaft bei den Treibhausgaseinsparungen bis 2030 bereits zu einem großen Teil realisiert werden könnte, wenn das Ergebnis eines von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe und der UFOP geförderten Verbundprojektes zur Messung von Lachgasemissionen der Stickstoffdüngung endlich zu Anwendung kommen würde. Das Projekt hatte bei der Messung der tatsächlichen Lachgasemissionen einen wesentlich geringeren Emissionsfaktor hervorgebracht als der heute für die Klimagasbilanzierung des Ackerbaus verwendete Faktor

Im Nachmittagspanel stellten Dr. Manuela Specht, UFOP, und der Vorsitzende der UFOP-Fachkommission Tierernährung, Prof. Dr. Gerhard Bellof, Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, die Ausarbeitungen zur Umsetzung der „10+10“-Strategie vor. Specht und Bellof konnten belegen, dass eine Steigerung des Raps- und Leguminosenanbaus auf zusammen ca. 2,4 Millionen Hektar eine deutliche Ausweitung des Angebots an Eiweißfuttermitteln aus heimischer Erzeugung nach sich ziehen würde. In verschiedenen Szenarien zur Entwicklung der Nutztierhaltung ist es möglich, Rapsschrot, Sojakuchen und Sojaschrot sowie die unbehandelten Körnerleguminosen aus heimischem Anbau vollständig über den Tiermagen zu verwerten. Daraus lasse sich festhalten, dass die Umsetzung der „10+10“-Strategie sowohl im Ackerbau als auch in der Nutztierhaltung ein realisierbares Szenario darstellt. Prof. Dr. Tanja Schäfer vom gastgebenden Fachbereich Agrarwirtschaft zeigte in ihrem Vortrag “Beitrag zur Resilienz und Klimaschutz durch Ölsaaten und Leguminosen” zahlreiche Beispiele auf für die positive Wirkung und Vorteile dieser Fruchtartengruppen.

Zusammenfassend erklärte der stellvertretende Vorsitzende der UFOP, Dietmar Brauer, dass die UFOP auch künftig die Agrarpolitik sensibilisieren werde, mit den Erzeugern für Öl- und Eiweißpflanzen gemeinsam fachlich fundierte Lösungsansätze für die bevorstehenden Herausforderungen zu finden. Sowohl mit dem Engagement bei Biokraftstoffen aus Raps als auch mit Körnerleguminosen als biologische Stickstoffsammler würden die UFOP-Kulturen auch künftig gute Voraussetzungen mitbringen, um den Stresstest im deutschen Ackerbau zu bestehen. Der Rapsanbau sei bereits seit vielen Jahren gut aufgestellt, erklärte Brauer weiter. Dagegen bestünden bei den Körnerleguminosen noch große Potenziale, die von der UFOP gehoben werden sollen.