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„Wir alle müssen Flagge zeigen!“ Die Frau Europas 2014, Linn Selle, im Interview

Binnen weniger Tage mobilisierte sie Tausende für Europa: Mit ihrer Online-Kampagne für die Übertragung der Spitzenkandidaten-Debatte im Hauptprogramm von ARD und ZDF sorgte Linn Selle im Vorfeld der Europawahlen letztes Jahr bundesweit für Furore. Nicht nur damit empfahl sich die 28-jährige Viadrina-Doktorandin aus dem Münsterland für den „Preis Frauen Europas“, mit dem die Europäische Bewegung seit 1991 ehrenamtlich engagierte Europäerinnen ehrt. Am 26. Januar wird sie in einem Festakt in Berlin für ihren Einsatz im Jugendverband „Junge Europäische Föderalisten“ (JEF) geehrt. In diesem Interview gibt Linn Selle Einblick, warum Europa scheitern kann und macht Vorschläge, was dagegen zu tun ist.

Was bedeutet Ihnen der Preis Frauen Europas?

Linn Selle: Ich war erst einmal ziemlich sprachlos, als ich die Nachricht erhielt, denn ich wusste ja, was für tolle Frauen bereits Preisträgerinnen sind. Nun in einer Reihe zu stehen mit so großartigen Frauen wie Gesine Schwan, der Gründerin der Frauenrechtsorganisation SOLWODI, Schwester Lea Ackermann, oder der Menschenrechtsanwältin Jasmina Prpić: Das war schon überwältigend – macht aber natürlich auch stolz.

Was ist Ihr Traum für Europa?

Linn Selle: Angesichts der heutigen Debatten hoffe ich vor allem auf ein Europa mit mehr Verständnis und Solidarität, das weniger in Kategorien und Vorurteilen denkt. Ich hoffe auf ein Europa, wo wir als vielfältige Gemeinschaft zusammenleben. Gerade nach dem furchtbaren Anschlag in Frankreich müssen wir begreifen, dass Solidarität in Europa ein unfassbar wichtiges Gut ist. Außerdem müssen wir ganz deutlich machen, dass wir uns durch solche Taten nicht unsere offene und tolerante Gesellschaft nehmen lassen wollen. Deswegen ist wohl mein größter Wunsch, dass die Menschen einsehen, dass Europa uns nicht nur Wohlstand sondern vor allem Möglichkeiten der Entfaltung gibt und ich wünsche mir, dass durch diese Einsicht den ewiggestrigen Populisten und Nationalisten das Wasser abgegraben wird. Momentan scheint das zwar ein hehrer, weit entfernter Wunsch zu sein, aber ich bin Optimistin!

Sie sind im Münsterland aufgewachsen. Wie „europäisch“ ist es dort?

Linn Selle: Das Münsterland ist ein gutes Beispiel dafür, wie normal Europa heutzutage in Deutschland ist. In Havixbeck, meinem Geburtsort, haben wir regelmäßig unsere französische Partnerstadt Bellegarde besucht, auch im Rahmen eines Schüleraustausches. Durch die Nähe zur niederländischen Grenze hatten wir enge Kontakte zu Schulen dort und auch die Möglichkeit Niederländisch als Fremdsprache zu lernen. Insofern konnte ich – wie viele andere junge Menschen auch – schon früh die europäische Vielfalt kennenlernen.

Was hat Sie dazu bewogen, so vehement für ein vereintes Europa einzutreten?

Linn Selle: Erst einmal war es ja vor allem der Spaß, sich gemeinsam mit anderen jungen Leuten aus ganz Europa für eine gemeinsame Sache zu engagieren und deren Perspektiven kennenzulernen. In der letzten Zeit nervt mich aber zunehmend und ist deswegen eine Motivation für meine Aktivität, dass Politik wie Medien ein Bild von Europa zeichnen, das sich so gar nicht mit der Lebensrealität junger Menschen deckt. Wir reisen und studieren europaweit, haben Freunde in anderen Ländern, und auf einmal wird eine Debatte losgetreten, die sich nur noch mit den „faulen Südländern“ und dem „reichen Norden“ beschäftigt – das ist ganz schön ätzend.

Warum haben Sie Ihre Freizeit lieber bei der JEF verbracht, statt in einer Partei-Jugend, die vielleicht bessere Karrierechancen verspricht?

Linn Selle: Der überparteiliche Charakter der JEF hat mich von Anfang an begeistert. Ich finde es einfach total spannend, gemeinsam mit Grünen, Konservativen und Sozialdemokrat/innen über europäische Fragen zu diskutieren. Hierdurch habe ich wahnsinnig viel gelernt und viele verschiedene Perspektiven kennengelernt. Ich habe zudem das Gefühl, dass die JEF offener ist als viele Jugendparteien.

Die Jury war beeindruckt von Ihrer Petition vor der Europawahl. Binnen Tagen forderten 30 000 Unterstützer mit Ihnen von ARD und ZDF, das TV-Duell der Spitzenkandidaten im Hauptprogramm statt im Spartenkanal zu übertragen. Glauben Sie, dass bei der EP-Wahl 2019 ähnliche Aktionen nötig sein werden? Oder funktioniert Europa-Information bis dahin anders?

Linn Selle: Der Spitzenkandidaten-Prozess wird sich durchsetzen, hinter diese Art der Auswahl des EU-Kommissionspräsidenten wird man nicht mehr zurückgehen können – zum Glück. 2014 wussten die meisten Menschen noch nicht, was genau sie da wählen, ich denke das wird sich bis 2019 ändern, und mit wachsendem Interesse wird dem Wahlkampf wohl auch mehr Platz in den Medien eingeräumt werden. Letztlich funktionieren unsere Medien aber leider noch immer national, das heißt Übersetzungen werden als „Überforderung“ des Zuschauers angesehen. Das war letztlich das Argument der ARD gegen die Ausstrahlung der Spitzenkandidaten-Debatte im Hauptprogramm. Ich finde das immer noch ziemlich beschämend und bin mir nicht sicher, ob sich an dieser Logik durch bessere Übersetzungen oder ähnlichem in den nächsten Jahren etwas ändern wird.

Europa in seiner Komplexität überfordert viele Menschen. Muss man Europastudien an der Uni belegen, um zu begreifen, wie die EU funktioniert?

Linn Selle: Ich finde dieses Standardargument, dass die EU ja so komplex sei, ganz furchtbar! Letztlich ist sie auch nicht komplizierter als unser deutsches föderales System. Denn Gesetze entstehen durch die Einigung zwischen dem direkt gewählten Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten – wie auch in Deutschland zwischen Bundestag und Bundesrat. Letztlich wird das „Komplexitäts-Argument“ leider viel zu oft missbraucht, um zu sagen „Die EU ist blöd“.

Wie kann man dieses „Die EU ist blöd“-Argument aus der Welt schaffen?

Linn Selle: Was wir in der JEF häufig machen ist zu hinterfragen, was denn „die EU“ ist, denn bei Diskussionen mit Schülerinnen und Schülern stellt sich oft heraus, dass es die Interessen der Nationalstaaten sind, die dann der EU zugeschrieben werden. So ist zum Beispiel die berühmt-berüchtigte Gurkenkrümmungsrichtlinie auf dem Mist des deutschen Handels gewachsen. Diese Vorurteile werden aber so lange bestehen wie nationale Politiker ihr „Blame-Game“ spielen, das heißt, erfolgreiche EU-Entscheidungen werden als nationaler Erfolg gewertet, während unpopuläre Maßnahmen auf „die EU“ geschoben werden. Da denken dann natürlich viele Menschen, die EU sei ein Bürokratie-Monster. Deswegen muss insgesamt mehr Transparenz her, gerade in den Verhandlungen zwischen den Mitgliedsstaaten, damit dieses „Blame-Game“ als solches entlarvt werden kann.

Sie promovieren zur „Haushaltsfunktion von Parlamenten im europäischen Integrationsprozess“. Welche Schlüsse für die EU-Politik sind da von Ihnen zu erwarten?

Linn Selle: Ich schaue mir in meiner Promotion an, inwiefern Bundestag und Europäisches Parlament in die Verhandlungen zum Mehrjährigen Finanzrahmen, dem siebenjährigen Budget für die EU, eingebunden sind. Denn kein Parlament hat allein die „Budgethoheit“ wie beispielsweise der Bundestag in den deutschen Haushaltsverhandlungen. Leider zeigt sich: Zwischen den Parlamenten gibt es wenig Zusammenarbeit oder die Einsicht in die Notwendigkeit einer gemeinsamen parlamentarischen Kontrolle. Das führt dazu, dass Regierungsvertreter viel einflussreicher sind als Parlamentarier – die ja eigentlich die Haushaltsfunktion innehaben. Ein krasses Ungleichgewicht!

Kann Europa scheitern?

Linn Selle: Natürlich kann Europa scheitern! Wenn man sich die Pläne des Front National in Frankreich anhört oder ganz aktuell die Umfragewerte der Syriza in Griechenland anschaut, kann einem Angst und Bange werden. Letztlich müssen wir alle begreifen – und ich glaube, das betrifft ganz besonders meine Generation, dass Europa eben nicht selbstverständlich ist und dass wir, wenn wir unseren Wohlstand langfristig sichern wollen, alles tun müssen, um das europäische Projekt zu erhalten und zu stärken. Es sind schließlich heute nicht mehr die Nationalstaaten, die unseren Wohlstand und unsere Werte sichern, das können wir nur noch gemeinsam angehen.

Was können überzeugte Europäerinnen und Europäer dafür tun?

Linn Selle: Wir alle müssen Flagge zeigen, dass Europa wichtig ist und dass es uns sehr wohl etwas angeht wie es Griechen, Italienerinnen oder Portugiesen geht. Es gibt Leute, die wollen uns glauben machen, wir müssten nur zurück zum kuscheligen Nationalstaat und Deutschland würde es gutgehen. Doch der Fakt ist: Uns geht es so gut wie lange nicht mehr und das gerade wegen der europäischen Einigung! Das klarzumachen ist natürlich vor allem Aufgabe unserer Politikerinnen und Politiker, aber auch jeder und jede einzelne von uns muss sich dafür einsetzen – im Alltag, in der Schule oder auf dem Sportplatz.

Der Festakt zum Preis Frauen Europas findet am 26. Januar statt.
Mehr Informationen zum Preis Frauen Europas und über die Preisträgerinnen finden sie hier

 

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