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Europakommunikation, Partizipation & Zivilgesellschaft

„Wir müssen dahin gehen, wo die Menschen sind“ – EBD Exklusiv zur Nutzung von Web 2.0 in der Europa-Kommunikation

Findet Austausch über EU-Themen nur in Brüssel statt? Wie können wir die EU-Kommunikation ausweiten und verbessern? Gelingt es, Europa über digitale Medien mehr europäische Öffentlichkeit zu verschaffen? Über diese Grundfragen diskutierten beim jüngsten EBD Exklusiv etwa 30 Vertreterinnen und Vertreter von Interessengruppen und EBD-Mitgliedsorganisationen.

Passend zum Thema des von EBD-Generalsekretär Bernd Hüttemann moderierten Workshops „Gov 2.0 & EU 2.0 – das Netz als Allheilmittel für eine verbesserte Europakommunikation?“ hatte das EBD-Mitglied E-Plus am 27. November in seine Hauptstadtrepräsentanz „Base_camp“ eingeladen.

Den Einführungsimpuls gab Jon Worth, einer der „dienstältesten“ –EU-Blogger, Social Media Experte und Gründer der Beratungsfirma techPolitics London. Basierend auf seiner Erfahrung mit britischen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen stellte er „best practices“ im Bereich online EU-Kommunikation dar. Web 2.0-Spätzündern nahm er gleich die Illusionen: „Jeden Tag wird es schwieriger“, fasste er die rasante Entwicklung im Web 2.0 zusammen. Neuankömmlinge hätten es 2012 viel schwerer, mit ihren Kampagnen Aufmerksamkeit zu erregen und große Scharen an „Followern“ zu sammeln als noch vor zwei, drei Jahren: „Im Durchschnitt vergibt jeder Facebook-Nutzer nur 9,8 Mal ‚gefällt mir‘ – da muss man sich schon etwas einfallen lassen, warum die eigene Seite dabei sein sollte.“ Entscheidend ist laut Worth das glaubwürdige Engagement dessen, der twittert oder einen Social Media Dialog startet. Auch was man schreibt, soll natürlich spannend und attraktiv für die Leser sein.

Im Mittelpunkt der EU-Kommunikation wird laut Worth die Frage stehen, wie es mit der „Brussels Bubble“ weiter geht. Die Sozialen Medien blasen diese „Blase“ aus um sich selbst kreisenden und lediglich untereinander kommunizierenden EU-Akteuren noch ein wenig auf – gutes Detailwissen vorausgesetzt, könnten kompetente Blogger oder Twitterer sich durchaus in die Debatten der „Brussels Bubble“ einmischen. Das sei ein Unterschied zu früherern Zeiten, als man in Brüssel noch unter sich war. Die Zahl der Besucher oder Folger in den sozialen Medien sei insgesamt nicht viel größer geworden. Social Media funktioniere aber deshalb als Kommunikationsmittel, weil Menschen ihren Freunden und deren Standpunkten vertrauen, nicht zwingend den Plattformen – das sei ein interessanter Aspekt von Facebook. Worth machte anhand einer Grafik deutlich, dass nach dem Gartner-Hype Zyklus bei allen neuen Social Media Plattformen auf den technologischen Auslöser ein „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ folge, der in einen Absturz ins „Tal der Enttäuschungen“ münde. Erst danach pegele sich die Nutzung der neuen Plattform – seien es Blogs, Facebook oder Twitter – auf ein Plateau der Produktivität ein. Ein wichtiges demokratisches Ziel sei es auch, ein Online-Netzwerk von allen EU-Interessierten in der Welt zu schaffen, allerdings sei es dorthin noch ein weiter Weg.

Nach Worths Tour d’Horizon begann die Impulsgeber Runde mit Eva-Maria Kirschsieper, Manager Privacy&Policy bei Facebook Inc. Seit 2008 auf deutsch im Netz, eröffnete Facebook 2012 eine Art „Social Media Embassy“ in Berlin. Kirschsieper sprach über das soziale Netzwerk und die Möglichkeiten, durch Facebook Menschen zu erreichen. Das Ziel von Mark Zuckerberg sei es gewesen, ein öffentliches Netzwerk aufzubauen, das weltweit nutzbar ist. In Deutschland hat Facebook mit mehr als 20 Millionen Benutzern quasi ein Viertel der Bevölkerung an Bord, davon kehren etwa 50 Prozent täglich auf die Seite zurück. Im Schnitt haben die Facebook-Nutzer 130 Freunde, die einen sehr viel weniger, andere sehr viel mahr. 5000 Freunde seien übrigens das Maximum. Was bietet Facebook für die politische Kommunikation? Kirschsieper zufolge gehen Facebook-Nutzer mit 43% höherer Wahrscheinlichkeit wählen. Als internationales Netzwerk, das jede Person der Welt mit anderen verbinden kann, könne es auch helfen, neue Zielgruppen anzusprechen. So betreiben etwa das Europäische Parlament, viele Parlamentarier, die Nato oder auch die Polizei Hannover erfolgreich eine eigene Facebookseite, sowohl um näher an den Menschen zu sein als auch, um ihre Aktivitäten und Projekte zu kommunizieren.

Nach Kirschsieper stellte Christian Thams, Director of Public Affairs bei Burson-Marsteller den Kurznachrichtendienst Twitter vor. 80 Prozent der EU-Bürger kennen Twitter aber nur 16 Prozent haben einen Twitter Account. Twitter ist nicht das einzige soziale Netzwerk aber es ist einfacher und leichter zu benutzen. Bei Twitter kann man relativ schnell eine Community finden und was Wichtigste für Thams ist, dass man bei Twitter öffentliche Diskussion in Gang setzen kann. Ein Drittel der Europäischen Parlamentariern nutzen Twitter, 30 Prozent der Benutzer treten regelmäßig in Dialog und 55 Prozent die Meinungen sind veröffentlichen. Für die Kommunikation zu EU-Themen diagnostizierte Thams zum jetzigen Zeitpunkt eine Elitendiskussion: „Die Bürger fehlen.“ Er verwies überdies auch auf das Sprach-Dilemma. Soll man in der Muttersprache schreiben? Das ist besser für die nationale Öffentlichkeit, etwa um die eigenen Wähler zu erreichen. Oder soll man auf Englisch twitttern, damit die Nachricht weltweit gelesen werden kann? 91,7% der Twitter Benutzer schreiben in ihrer Muttersprache. Deutschland und Italien seien übrigens die einzigen Länder in Europa, deren Regierungschefs nicht auf Twitter aktiv seien.
Gastgeber Sachar Kriwoj, Leiter Digital Public Affairs, E-Plus Mobilfunk GmbH & Co. KG, stellte das Blogging als PR-Kommunikationsform vor. Die E-Plus-Gruppe hat so viele Kunden wie es Facebook Nutzer in Deutschland gibt. E-Plus habe sich statt einer Facebook-Seite lieber für einen eigenen Blog entschieden, UdL Digital, wo auch die mittlerweile etablierte UdL Digitaldebatte als Talkshowformat laufe. Auf einem Blog könne ein Unternehmen „selbstbestimmt“ in Form und Inhalt veröffentlichen und zudem sei er besser über Google zu finden, da Blogposts bei der Suchmaschine besser indiziert seien als Facebook updates. Auch er bilanziert für den Web 2.0-Auftritt: „Je länger man wartet, desto schwerer wird es, sich Gehör zu verschaffen. bringt Erfolg, auch bei politischer Online-Kommunikation.“

S.E. Daniel Gerard Mulhall, Botschafter von Irland in Berlin kommentierte ebenfalls das Thema Web 2.0. Seit April dieses Jahres ist der frühere Regierungssprecher selbst aktiver Twitterer – als einziger Botschafter in Berlin. Mulhall betonte die Wichtigkeit von Twitter als Instrument, um die online-affine irische Bevölkerung zu informieren. Irland sei ein digitalfreundliches Land, daher sei für die anstehende EU-Ratspräsidentschaft Irlands bereits eine Twitter-Policy entwickelt worden, ein eigenes Twitter-Hashtag (#eu-2013.ie) soll die Aktivitäten bündeln. „Das wird die erste twitterfreundliche Ratspräsidentschaft“, versprach Mulhall. Gleichzeitig mahnte er auch zur Kommunikationsdisziplin: „Ein Tweet ist ein öffentliches Dokument, das rasendn schnell um die Welt gehen kann. Mman muss gerade als Diplomat vorsichtig sein, was man schreibt.“ Twitter helfe aber gerade Diplomaten, einen neuen Stil zu entwickeln, um effektiver und besser zu kommunizieren.

Das Schluss-Statement kam von Dr. Kristin Schneidewindt, Referentin für Europa, Presseabteilung, Auswärtiges Amt. Sie stellte die Wichtigkeit einer Plattform zum Dialog mit den Bürgern heraus und forderte, in der politischen Kommunikation die Balance zu finden zwischen On- und Offline Aktivitäten: „Es gibt das Web 2.0, aber auch die reale Welt – Online und Offline muss zusammenkommen, wenn man alle Zielgruppen erreichen will.“ So sehe das im Februar 2012 verabschiedete Kommunikationskonzept des AA für Europa eine Kombination aus Pressearbeit, Web 2.0-Aktivitäten und Veranstaltungen vor. Laut Schneidewindt sei es für einen fruchtbaren EU-Dialog wichtig, die „Kommunizierer“ in Brüssel zu finden und einzubinden, ebenso wie die deutschsprachige Community zu festigen und auf Twitter Dialog und Feedback zu generieren. Sie nutze Twitter vor allem als wertvolles „Rückmeldesystem“, um qualitative und quantitative Einschätzungen öffentlicher Debatten zu bekommen und inhaltliches Feedback zu erhalten.

Die anschließende Diskussion im Saal und auf Twitter, die EBD-Generalsekretär Bernd Hüttemann moderierte, drehte sich vor allem darum, ob europäische Position auf Facebook effizient verbreitet werden können und wie sinnvoll Twitter als Verlautbarungskanal sein kann. Da in Europas hierarchisch strukturierten poliitschen Apparaten keiner gern die Kontrolle aus der Hand gibt, sei die Web 2.0-Vernetzung von Parteien mit der Zivilgesellschaft oder die Verbreitung über andere Fan-Communities noch ausbaufähig. Ein „Allheilmittel“, wie im Titel des erstmals als Workshops veranstalteten EBD-Exklusiv zur Diskussion gestellt, sind die sozialen Netzwerke auch für die Europa-Kommunikation jedenfalls nicht – darin waren sich alle Diskutanten einig. Aber wenn sie gut genutzt werden, könnten sie sich als ein weiterer Kanal für direkte Debattenkultur etablieren.

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